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Die Meinungen sind geteilt. Die einen behaupten: Wer ungeachtet der erbarmungslosen Kriegführung in Tschetschenien - bei der ein Drittel der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht, Zehntausende getötet und viele Städte total zerstört wurden -, wer, während dies alles geschieht, zu Jelzin nach Moskau reist, legitimiere diese Verbrechen. Er mache sich mitschuldig und falle überdies den russischen Demokraten in den Rücken, die ihr Land zu verändern versuchen. Die anderen glauben nicht an die Durchführbarkeit puristischmoralischer Entscheidungen, sie meinen, man müsse auch - natürlich nicht allein, aber eben auch - die politischen Aspekte bedenken, denn schließlich wolle man ja ein Ziel erreichen.

Es handelt sich also um die grundsätzliche Frage: Soll man Doktrinen aufstellen und diese dann durch dick und dünn, ohne Rücksicht auf die Folgen durchsetzen? Oder soll man sich einer Doppelstrategie bedienen, so wie beispielsweise John F. Kennedy sie für den Ost-West- Konflikt empfahl: Rüsten und Reden; also nicht alternativ, sondern simultan, gleichzeitig?

Alle haben ihre Erfahrungen sammeln können, besonders wir in Deutschland. Um das Resümee vorwegzunehmen: Man kann keine Kasuistik zur Nutzanwendung aufstellen; jeder Fall ist anders, und das Wesen der Politik besteht ja gerade darin, je nach Sachlage Entscheidungen zu treffen und nicht einfach dogmatischen Richtlinien zu folgen. Die Bundesrepublik begann mit der Theorie des Alleinvertretungsrechts und der Hallstein- Doktrin.

Noch Mitte der sechziger Jahre gab es das "Handschellengesetz", das verfügte, jeder SED-Funktionär könne bei der Grenzüberschreitung verhaftet werden. Die Bundesrepublik wollte die DDR isolieren, aber sie hatte sich auch selbst isoliert.

Was nun das Problem: Nach Moskau reisen oder nicht? angeht, sollten die verantwortlichen Politiker sich zwei Fragen stellen.

Erstens: Kann eine Absage als Hebelwirkung zur positiven Beeinflussung Jelzins dienen? Diese Frage wird man ziemlich sicher mit Nein beantworten müssen. Den Prozeß, der in Tschetschenien in Gang gesetzt worden ist, kann man von außen nicht beeinflussen.