Ihre Exzellenz war pikiert. Pamela Harriman, seit knapp zwei Jahren Botschafterin der Vereinigten Staaten in Paris, hatte kürzlich ihre erste Feuerprobe zu bestehen. Fünf Mitglieder ihrer Botschaft wurden von den Franzosen der Wirtschaftsspionage bezichtigt und sollten umgehend das Land verlassen . . . Nun macht der Umstand, daß auch enge Alliierte untereinander eifrig das Spionagegeschäft betreiben, noch keinen Wirbel. So war es denn wohl allein der doppelte Fauxpas des französischen Innenministers, die Affäre erst der Presse zuzuspielen und diese Indiskretion dann auch noch der amerikanischen Vertretung zu unterstellen, was die "Grande Dame der demokratischen Partei" aus Washington hier so verstimmt haben muß.

Nach ihrer Audienz beim Premierminister im "Hotel Matignon" schwieg Pamela Harriman. "Weder wahr noch glaubhaft" hatte es ja schon im Dementi der Botschaft geheißen. Wenn auch der Pariser Botschafterposten für sie einerseits ein Dankgeschenk von Präsident Clinton an seine unermüdliche Wahlkampfspendensammlerin war - eine Anfängerin auf diplomatischem Parkett ist Pamela Harriman andererseits beileibe nicht. Über ein halbes Jahrhundert schon ist sie hohe Geheimnisträgerin, mag auch dem privaten Engagement die offizielle Berufung erst im 74. Lebensjahr gefolgt sein.

Zur Sache schweigen wird sie auch, wenn jetzt am 11. Mai im New Yorker Auktionshaus Christie's Bilder von Picasso, Matisse und Renoir aus dem Hause Harriman mit einem Schätzwert von zwanzig Millionen Dollar unter den Hammer kommen. Die Bilder werden nicht, wie es ihr verstorbener Ehemann Averell Harriman, Eisenbahntycoon, Gouverneur und Staatsmann, gewünscht hatte, nach ihrem Hinscheiden der Nationalgalerie in Washington vermacht. Vom Erlös soll das Erbe der Harriman-Kinder und -Enkel aufgestockt werden. Zwei Klagen wegen Veruntreuung, die Pamelas Stiefkinder in Virginia und im Staat New York angestrengt haben, sollen hinter weißen Gardinen zum Ausgleich finden. Noblesse oblige, wenn nun gar nichts mehr geht.

Pamela hat es immer verstanden, den Blick nach vorne zu richten. Ihr Leben liest sich denn auch in Christopher Ogdens Bestseller-Biographie "Life of the Party" wie ein Roman aus dem 19. Jahrhundert. Das Buch, das im September auch in Deutschland erscheinen wird, beschreibt auf fünfhundert Seiten das Leben einer Frau im Zentrum der Macht, verfolgt in minuziös recherchiertem Detail die Steilkarriere einer Grande Horizontale.

Christopher Ogden, ehemals diplomatischer Chefkorrespondent von Time und Biograph Maggie Thatchers, hatte, ehe er sich ans Schreiben machte, von der unermüdlichen Gastgeberin der demokratischen Politelite ein Angebot zur Zusammenarbeit bekommen. Doch als gleich der erste Verleger einen Vorschuß von über anderthalb Millionen Dollar anbot, überkamen Pamela Zweifel: Dieser stolze Preis würde, fürchtete sie, zu viele Pralinen aus ihrer Bonbonniere fordern. Nach vierzig Interviewstunden brach sie den Vertrag mit Ogden und versuchte, das Projekt mit Klagedrohungen abzuwürgen.

Daß einiges in dem Buch sie kränkt, kann man verstehen. Treten darin doch so manche dear friends auf, die geplaudert haben. Schon die lange Bibliographie beweist, daß Pamela, wie nur wenige andere Frauen in ihrer Zeit, in den Zentren der Macht zu Hause war.

Als Kind war die Tochter aus dem alten Geschlecht der Digbys vom adeligen Landleben im englischen Dorset angeödet. Der historische Ballast beeindruckte sie kaum. Bloß weg von den drögen Gouvernanten, dem blumenzüchtenden Vater, der ewig auf Komitees weilenden Mutter. Mit sechzehn Jahren schafft sie den ersten großen Sprung auf den Kontinent. In Paris, wo sie als zahlender Gast einer französischen Familie die Sprache lernen soll, wird ihr in einer Gruppe englischer "höherer Töchter" die Kunst im Louvre nahegebracht. Es folgen einige Monate in Deutschland, das damals noch, auch mitten in der Nazizeit, als kulturelles "must" in der englischen Adelserziehung galt. Sie trifft Hitler, findet ihn aber wenig attraktiv.