Die Lage schien ernst, aber nicht hoffnungslos. Als die Schulen schlossen, tröstete uns der alte Klassenlehrer: "Der Führer hat gesagt: 'Die letzten 24 Stunden dieses Krieges möge mir der Herrgott verzeihen.' Dann wird wohl irgendeine Atomzertrümmerung kommen." Allzulange durfte Hitler nicht mehr warten. Die Russen standen vor Berlin, und mit Siebenmeilenstiefeln näherten sich die Engländer meiner ostfriesischen Heimat. Endlich besann sich die Führung auf ihr letztes Aufgebot, das junge Volk. Alle vierzehn- und fünfzehnjährigen Hitlerjungen des Dorfes erhielten Ende April den Befehl, am anderen Morgen mit leichtem Marschgepäck und mit Fahrrad anzutreten: "Deutschland, Vaterland, wir kommen schon!" Als Panzerfaustkommando sollten wir in Südoldenburg den Feind aufhalten. Die Gebrauchsanweisung für die Panzerfaust steckte schon in meiner Tasche.

Aber dann rebellierten am späten Abend die Mütter (die Väter waren im Felde) und bestürmten den Nazi-Ortsgruppenleiter, sie wollten ihre Kinder nicht mehr hergeben. Er gab nach: Das müßten sie auf ihre eigene Kappe nehmen. Die Mütter stellten einfach den Wecker ab, und wir jungen Helden verschliefen den Abmarschtermin. Ich heulte vor Wut und Scham.

Immerhin rückten wir nun jeden Morgen zum Schanzen aus. Hitler war gefallen - das erfüllte uns mit Stolz, und wir grüßten jetzt mit "Heil Dönitz". Am Abend des 4. Mai wurde im Radio ein Waffenstillstand für ganz Nordwestdeutschland angekündigt. Komisch nur, daß ein Parteibonze uns ermahnte, dem Feind nicht unterwürfig zu begegnen. Das böse Erwachen kam über Nacht. Am Sonntagmorgen rollten leichte Panzer einer polnischen Division durchs Dorf. Und bald leuchteten die Straßen im gleißenden Weiß ungezählter Kopftücher - die Fremdarbeiterinnen aus Osteuropa begrüßten ihre Befreier. Und noch ehe der Krieg in ganz Europa aufhörte, hatte ich schon mein erstes polnisches Wort gelernt: "Dzien dobry!"