Das erste, was den Reisenden an der Nahtstelle Süd-, West- und Zentralasiens erwartet, ist die Einsamkeit der Grenzwächter. Verloren und Tausende von Kilometern fern ihrer Heimat, stehen je ein chinesischer und pakistanischer Soldat neben ihren dürftigen Holzhäuschen auf 4700 Meter Höhe am Khunjerab-Paß und überwachen den kargen Grenzverkehr. Wenn sie morgens die ersten Lastwagen in Richtung Pakistan passieren lassen, ist es meist frühlingshaft warm - mittags, wenn die Busse aus Hunza den Paß erreichen, brennt eine sommerliche Sonne auf die Hochgebirgsgletscher herab. Der tägliche Nachmittagstee, den die beiden Wächter gerne gemeinsam nehmen, wird bereits durch herbstlich-kalte Winde aus dem Pamir gestört. Eine düstere Wolkenwand überzieht dann den gesamten Himmel, ehe sie sich bei Einbruch der Dunkelheit in einem winterlichen Schneegestöber entlädt.

Daß man an dem einen oder anderen Ort der Welt alle vier Jahreszeiten innerhalb eines einzigen Tages erleben kann, hat man oft gehört und nie erlebt. Auf den Hochebenen im Nordwesten der chinesischen Provinz Xinjiang, am hochgelegenen westlichen Eingangstor nach China, sind solche Wetterwechsel nichts Besonderes. Hier, im Herzen der eurasischen Landmasse, rückt alles zusammen, was sonst nicht zusammengehört: die Jahreszeiten, die Länder, die Kulturen und die großen Gebirge Karakorum, Pamir und Tien Shan. Sogar die Zeitzonen treffen sich hier mitunter auf einer einzigen Uhr. In Taxkorgan, der ersten offiziellen Grenzkontrolle, sieht man eine Uhr mit zwei Stundenzeigern: einen offiziellen Chronometer der Peking-Zeit, der morgendliche acht Uhr anzeigt, wenn noch alles in tiefster Dunkelheit schläft, und einen kleineren, um drei Stunden verrückten Anzeiger der lokalen Uiguren-Zeit, nach dem es erst fünf Uhr in der Frühe ist.

Auch wenn der Rhythmus der Uiguren-Zeit ein wenig hinter der gesamtchinesischen Entwicklung herhinken mag, sind die Zeiten, in denen westliche Reisegruppen in Taxkorgan wie Besucher aus einer anderen Welt bestaunt wurden, längst vorbei. Nach Seidenhändlern, buddhistischen und muslimischen Pilgern, nach den Heeren der Mongolen und Chinesen, nach britischen und russischen Agenten, nach der Volksbefreiungsarmee und den Roten Garden haben nun die Touristen Xinjiang erreicht. Deutsche, Italiener, Franzosen, Amerikaner und Japaner entsteigen den Flugzeugen aus Kasachstan und Tadschikistan, den Eisenbahnen aus dem fernen Xian, den Bussen, die die chinesische Grenze über die pakistanische Karakorum-Straße erreichten. Die Seidenstraße setzt ihre Geschichte im Dienste des Tourismus fort.

So bescheiden die Besucherzahlen zunächst noch scheinen: Die chinesische Tourismusbehörde China International Travel Service (CITS) hat die glänzenden Aussichten dieser letzten Traumstraße für das Urlaubsgewerbe erkannt. Die Hauptrouten zwischen Taxkorgan, Kashgar, Aksu, Korla und Turfan sind befestigt und geteert, und in diesen Städten wurden schon zu Beginn der neunziger Jahre große Hotels errichtet. Wo der westliche Fernreisende die Unwirtlichkeit Zentralasiens erwartet, wird er nach kurzen Flügen oder relativ bequemen Busreisen auf asphaltierten Straßen am Abend von geschultem Hotelpersonal erwartet und beklatscht. Die 75 000 Übernachtungen, die ausländische Gäste 1994 in den Hotels Xinjiangs buchten, fallen zwar im Vergleich zu der halben Million Hotelübernachtungen allein in der Hauptstadt Peking nicht besonders ins Gewicht, doch die touristische Infrastruktur in "Chinas wildem Westen" steht, und die Manager rechnen mit noch viel mehr Besuchern. Jeder dritte unter den 4500 europäischen Fernreisenden, die für beträchtliche Summen die Marathontour durch Xinjiang absolvieren, kommt aus Deutschland.

Für Gruppenreisende und aus Pakistan in Überlandbussen eintreffende Individualtouristen ist Taxkorgan nur die erste Etappe auf einer knapp zweitausend Kilometer langen Strecke durch die Oasen und Wüsten Xinjiangs. Wie eine Versammlung eisgepanzerter Riesenbuckel ragen hinter Taxkorgan die Sechs- und Siebentausender des Pamir-Gebirges aus einer tibetisch anmutenden Hochgebirgslandschaft, allen voran der gewaltige Muztagata (7546 Meter) und der Kongur Shan (7719 Meter). Zwischen den Giganten spiegelt der Kalakuli-See wie ein Himmelsauge in leuchtendem Hellblau die Farben der Umgebung.

An seinen Ufern kann man vor den Jurten der Kirgisen ein wenig Tee trinken oder sich für zehn Yuan von struppigen Kamelen das Seeufer entlangtragen lassen.

Dann ändert sich plötzlich die Landschaft: Wenn sich die Straße nach Nordosten wendet und mitten ins Pamir-Gebirge führt, ragen vor dem Hintergrund riesiger Sicheldünen schroffe Felsen aus ausgetrockneten Salzseen. Diese offiziell als "pakistanisch-chinesische Freundschaftsstraße" bezeichnete Pamir-Route wurde als Verlängerung des Karakorum-Highway auf der chinesischen Seite 1986 endgültig fertiggestellt. Erst seit dieser Zeit ist es überhaupt möglich, mit einem Fahrzeug von Islamabad und Lahore über Xinjiang, das "neue Gebiet", bis nach Peking zu fahren.