Hinter den Pamir-Schluchten erwartet den Reisenden auf einer Höhe von etwa 2000 Metern eine der unwirtlichsten Gegenden der Erde. Auf einer Gesamtfläche von fast anderthalb Millionen Quadratkilometern senkt sich - umgeben von den großen zentralasiatischen Gebirgen - das Tarimbecken wie eine gigantische Mulde bis unter Meereshöhe ab. In der milchig flimmernden Luft über Millionen schwarzer Felsen endet alles Leben mitten im Tarimbecken in der Takla-Makan-Wüste, über deren Salzseen die Chinesen in den sechziger Jahren ihre Atombomben explodieren ließen. Nur in lebensgefährlichen Expeditionen, auf einem dünnen Saum am Nord- und Südrand des Tarimbeckens ließ sich diese Todeszone der Takla-Makan früher durchqueren. Als Wegstationen auf dieser scheinbar unendlichen interkontinentalen Straße zwischen Rom im Westen und Xian im Osten entwickelte sich mit dem Wachstum der großen Oasen Kashgar, Aksu, Kucha/Korla und Turfan die Infrastruktur der alten Seidenstraße.

Eine der beiden letzten großen Mao-Statuen Chinas erhebt sich über Kashgar, doch die Menschen in der großen Aitika-Moschee verneigen sich nach Westen gen Mekka. Chinesisch ist das Essen in den Hotels, und so heiß wie in Shanghai oder Kanton ist das allzeit verfügbare Teewasser in den großen Thermoskannen. Auf den Straßen jedoch fühlt sich der Reisende an Damaskus oder Marrakesch erinnert. "Bosch, bosch, bosch" (schnell, schnell, schnell) tönt es auf dem großen Sonntagsmarkt von Kashgar, wenn sich die Menschenmassen zwischen Gemüse, Pferden und sperrigen Karren verkeilen. Esel brüllen ihre kehligen Töne gegen die übersteuerten Geräusche eines Kassettenrecorders an. Dung, Ziegelsteine, Truhen, Zobelhüte, Zement und alte Schläuche werden auf Karren vorbeitransportiert, und an den Garküchen floriert die Produktion von Mau Tei (Teigknödeln) in einigen Dutzend Variationen. Ganze Rinder werden an Ort und Stelle ausgenommen und die Einzelteile, noch dampfend, gleich gewogen und verkauft. Knaben rennen mit überquellenden Bastkörben voller Hühner herum, Landstreicher, Bettler, Tage- und Taschendiebe kommen im Gewühl auf ihre Kosten. Eine wüste Schlägerei beginnt in der Barbierstraße, als ein Uigure, über seinen Haarschnitt entsetzt, handgreiflich wird. Sofort ist die Marktpolizei zur Stelle, die mit ihren großen Knüppeln so lange in die Menge drischt, bis sich die Widersacher in die Seitengassen flüchten.

Kashgar ist der muslimischste Ort Chinas. Mehr noch als die moderne Provinzhauptstadt Ürümqi im Norden der Provinz Xinjiang repräsentiert die Stadt das politische und kulturelle Leben der türkischstämmigen Uiguren, die in der Provinz Xinjiang offiziell über eine autonome Republik innerhalb des chinesischen Staatsverbandes verfügen. Nur sieben Prozent Han-Chinesen leben in Kashgar - in den großen Oasen Korla, Aksu und Turfan sind es selten mehr als zwanzig Prozent. Und doch befindet sich die politische und wirtschaftliche Kontrolle der Provinz fest in chinesischer Hand. Zu bedeutend ist die geopolitisch einzigartige Lage der Provinz mitten in Asien, und zu kostbar sind die Bodenschätze unter der Takla-Makan-Wüste. Schon heute werden vier Fünftel des gesamtchinesischen Ölverbrauchs durch Förderungen aus Xinjiang gedeckt, es existieren gewaltige Vorkommen an Eisen, Kupfer, Aluminium, Zink und Mangan, auf die die expandierende chinesische Wirtschaft angewiesen ist.

Zur Rechtfertigung ihrer Präsenz verweisen die Chinesen gern auf die jahrtausendealte Verbindung der Takla-Makan-Oasen mit dem Reich der Mitte. In Wahrheit aber waren die Regionen des heutigen Xinjiang als das große Durchgangsgebiet der eurasischen Landmasse im Laufe der Geschichte mit nahezu allen Kulturräumen Asiens verbunden. Die kostbaren Seidenstoffe, die erstmals zur Zeit des chinesischen Han-Imperiums (206 vor Christus bis 220 nach Christus) das kaiserliche Rom erreichten, durchquerten auf ihrem Weg die Oasen der Takla-Makan und gaben dieser wohl bedeutendsten Fernhandelsroute der alten Geschichte ihren Namen. Auf dieser Seidenstraße, nur in der umgekehrten Richtung, erreichte dann in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung der indische Buddhismus in seiner zentralasiatischen Variante über die Oasen der Takla-Makan den chinesischen Kulturraum.

Nestorianische Christen aus Syrien, die Anhänger des iranischen Zarathustra-Kultes und buddhistische Mönche schmückten auf der Tausende von Kilometer langen Strecke Dutzende von Höhlenklöstern mit ihren Skulpturen und Wandmalereien. Aus dem nunmehr buddhistischen China erreichten die Heere der Tang-Dynastie im 7. und 8. Jahrhundert Zentralasien, begleitet von den berühmten chinesischen Reisenden, die als Pilger und Historiographen Indien, das Heimatland Buddhas, besuchten und für die Nachwelt beschrieben. Ein halbes Jahrtausend später durchrasten die mongolischen Heere Dschingis Khans auf ihren Eroberungszügen die Oasen in westlicher Richtung. Die Routen der Seidenstraße wurden nun vollends zum Zentrum eines gesamtasiatischmongolisch kontrollierten Handelsraumes. Auf diesem Weg zog die Expedition der Gebrüder Polo nach Osten, getrieben vom Wunsch nach Handelsgewinn und einem päpstlichen Schreiben, in dem der Großkhan im heutigen Peking zu einem kontinentalen Bündnis gegen den Islam aufgefordert wurde.

Doch der Islam setzte sich in Zentralasien durch. In einer seiner letzten großen Missionsbewegungen wurden nach dem Untergang der Mongolenreiche bis zum 15. Jahrhundert die türkischen Völker im Umkreis der Seidenstraße endgültig missioniert - und wie in Nordindien bedeutete der muslimische Missionstriumph das definitive Ende der buddhistischen Hochkultur. Die Grotten von Kizil und Bäzäklik, die Mauern und Türme von Subaschi, Jiaohe und Gaochang versanken im Schutt der Geschichte.

Ihnen vor allem gilt das Interesse der kulturinteressierten Besucher, die auf den Spuren der alten Seidenstraße untergegangenen und geheimnisvollen Zivilisationen nachspüren wollen. Zunächst aber fährt der Bus hinter Kashgar über 600 Kilometer auf einer topfebenen Fläche immer nur nach Westen, ohne daß etwas anderes zu sehen wäre als die rotbraun- und schwarzgebrannten Ausläufer des Tien Shan. Über den Ebenen flimmert die Luft, und die Hitze hat aus den Sedimenten große Salzlachen hervorgetrieben, die wie weiße Farbkleckse zwischen Gestrüpp und Geröll den ganzen Horizont erfüllen. Bei Temperaturen von über fünfzig Grad in der Sonne wird die aufgeplatzte Straße wiederhergestellt. Die Han-Chinesen in der Straßenkolonne können aus der abgelegenen Provinz mit 900 Yuan (rund 150 Mark) im Monat einen Spitzenverdienst heimbringen.