Die Personen: Paulina, Roberto, Gerardo. Das Opfer, der Täter, der Anwalt. Eine Frau und zwei Männer.

Der Ort: Südamerika, Chile vielleicht. Der Wagen hat eine Panne. Ein abgelegenes Landhaus an der Küste, der Strom fällt aus, die Telephonverbindung bricht stundenlang ab. Kein Entkommen. Aber "Der Tod und das Mädchen", ein Film von Roman Polanski nach dem Theaterstück von Ariel Dorfman, ist dennoch kein Thriller, sondern eine Versuchsanordnung.

Die Zeit: Nacht. Die Diktatur ist vorbei, die Demokratie noch jung. Nur das Licht von Kerzen und einer Petroleumlampe. Richtig hell wird es nie.

Der Konflikt: Paulina erkennt in Roberto ihren Folterer wieder, an der Stimme, am Geruch, und weil er eine Kassette von "Der Tod und das Mädchen" besitzt. Schuberts Musik spielte der Doktor im Gefängnis, wenn er sie vergewaltigte.

Der Doktor war der Schlimmste: eine Bestie mit Manieren. Er sorgte dafür, daß die Gefangenen die Qualen überlebten, und fand selber Gefallen am Foltern. Paulina will Rache oder zumindest Gerechtigkeit. Aber Roberto beteuert, er sei nicht der Doktor. Gerardo will vermitteln, aber vermag es nicht: Als Paulinas Ehemann, dessen Namen sie unter der Folter nicht preisgab, steht er in der Schuld seiner Frau. Andererseits kann er als frisch ernannter Vorsitzender der Kommission zur Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen des alten Regimes Selbstjustiz nicht zulassen. Sein erster Fall, daheim im Wohnzimmer: Vergebung oder Vergeltung - eine Probe aufs Exempel. Beweise für oder gegen den Angeklagten gibt es nicht. Nur Indizien.

Der Exilchilene Ariel Dorfman wollte eine "moderne Tragödie in fast aristotelischem Stil" schreiben, zum Zweck der "kollektiven Katharsis". Sein Stück hatte weltweit Erfolg: Allein in Deutschland stand es auf zwanzig Spielplänen. Was daran liegen mag, daß eine beachtliche Menge dringlicher Menschheitsfragen verhandelt wird: Welche Langzeitfolgen hat eine Diktatur? Wie läßt sich staatlicher Terror bewältigen? Welche Therapie kann eine vergewaltigte Frau "heilen"? Welche Kompromisse muß man schließen für die Demokratie? Wie können Opfer und Täter hinterher im gleichen Land zusammenleben? In Argentinien wurde längst eine Generalamnestie für die Junta erlassen, in Chile durfte eine Untersuchungskommission die Verbrechen zwar aufklären, aber die Täter nicht benennen und schon gar nicht verurteilen.

Sigourney Weaver ist Paulina. Im Halbdunkel nähert sie sich dem schlafenden Doktor, schnuppert an ihm, berührt ihn, schlägt ihn nieder. Sie fesselt den Bewußtlosen an einen Stuhl und stopft ihm ihren Slip in den Mund. Wir wissen noch nicht, warum sie das tut. Wir sehen nur ihre Zärtlichkeit und ihre Brutalität. Einen Akt sexueller Gewalt. Szenen wie diese bleiben die Ausnahme. Vor lauter Gerichtsverhandlung versäumt Polanski - ausgerechnet Polanski - das Wichtigste: den Kampf der Körper. Nicht einmal die Klaustrophobie wird spürbar: Trotz der Dunkelheit rücken die Wände nicht näher. Und Stuart Wilson als Gerardo schwankt nur mit Worten zwischen Liebe und Mißtrauen, Schuldgefühlen und Berufsehre. Stellvertretend für den Zuschauer sitzt er auf der Geschworenenbank und schaut zu.