Dieses Buch! Seit Sommer letzten Jahres gräbt es sich unter Stapeln ein, wühlt sich nach oben, verschwindet, taucht nur nachts auf und jetzt endlich . . . aber nur kurz! Denn: Ein Maulwurf will allein sein. Zu viele Leser sind lästig. Oder: "Frische Luft kann einem die ganze Freude verderben."

Hanna Johansen, oft gepriesene und ausgezeichnete Autorin, hat ein schmales, tiefschürfendes Standardwerk über Maulwürfe geschrieben, einen erdigen Entwicklungsroman zum Vorlesen, Selberlesen, zum Lächeln, zum Lernen, zum Grübeln. Man weiß: Nichts übertrifft den Blick aus der Maulwurfsperspektive, diese krümelgenauen, käferbeinfeinen Beobachtungen, die nicht von der Unschärfe des Überblicks getrübt werden. "Was ist ein Feind?" fragt eines der herzallerliebsten Maulwurfskinder die Mutter: "Ein Feind ist einer, der dich fressen will. Klar?" Und ein Freund? "Ein Freund ist einer, den du fressen kannst. Klar?" Mit derartiger Maulwurfsphilosophie ausgestattet, wachsen die Kleinen heran, treten sich gegenseitig auf die Schaufeln, kratzen, beißen und keifen um den fettesten Regenwurm, bis sie endlich soweit sind, sich alleine durchs Leben zu graben.

Hanna Johansens Geschichte - die von maulwurfssprachigen Neuvertextungen alter Kinderlieder aufgelockert wird - bleibt, trotz aller menschlicher Personifizierung, der Maulwurfspsychologie treu: Lob der Dunkelheit, der warmen, schwarzen Erde, des Alleinseins, der Ruhe, des Duftes halbtoter Regenwürmer. Ach wie schön, so ein Buch zu fressen.

Hanna Johansen:

Ein Maulwurf kommt immer allein

Verlag Nagel & Kimche, Zürich/Frauenfeld 1994; 128 S., 22,80 DM