Ermüdet vom "Berliner Architekturstreit", der weniger ein Streit um Architektur als um Städtebauschemata ist; ermüdet auch von den meist falsch adressierten Kritiken des Streits, der sich innerhalb der Zunft und ihrer oft sprach-, aber sonst ohnmächtigen Publizistik abspielt, statt sich (auch) mit Investorenfirmen und Treuhand-Politikern zu beschäftigen; zutiefst müde also fährt man nach Amsterdam, um endlich wieder einmal Berliner Architektur zu betrachten.

Der Berliner Hans Kollhoff hat dort nämlich ein Haus gebaut.

Kennt man ihn, entdeckt man "den Kollhoff" schon von der Eisenbahn. Nördlich der Bahnlinie ragt kurz vorm Hauptbahnhof ein mächtiges Weißblechdach über Speicherbauten und niederes Hauswesen hinaus. Bricht auch noch die Sonne durch die in Holland natürlich oft dramatische Wolkendecke, leuchtet es über den schwarzblauen Klinkern. Im Wildwuchs der Containerbauten, Stapel- und Lagerflächen, durch die der Zug in die Stadt fährt, ist es eine wohltuend ruhige Fläche. Fast wirkt sie distinguiert.

Früher nannte man solche Vorlagerungen der alten Industriestädte Weichteile, da ihnen städtebildliche Aufmerksamkeit kaum nennenswert gewidmet wurde. Gewerbe- und Industriebauten, Lagerhallen und Parkplätze spielten die nicht immer fröhliche Anarchie des materiellen Zugewinns und versammelten zu diesem Behufe haufenweise anonyme Architektur. Heute wecken sie manch sentimentalisches Leuchten in den Augen; Lofts in Hülle und Fülle für beengte Innenstädter, Industriehallen für Kultur und Theater und Kunst und sonstige Surrogate unseres Kommunikationsbetriebs. Was, wenn nicht Kultur, sollte man in diese leere Hüllen stopfen?

Die zweite Antwort wissen meist die Städtebauer. Stadt, sagen sie, gehöre dorthin, wo vormals die Industrie sich in die Fläche fraß. Re-Urbanisierung lautet der Titel solcher Bestrebungen. Und nur ganz Verstockte fragen (verzweifelt), ob Produktion und Gewerbe nicht stets zur urbs, zur Stadt gehörten. Doch da sich auch darin so ziemlich alles geändert hat, richten sich heute stadtbildende Anstrengungen zumeist auf die Flächenerbschaften des Industriezeitalters, das allmählich am historischen Horizont verblaßt. Wenn bei diesem Stadtrecycling vielleicht nicht das Wort der städtischen Weichteile verschwindet, wohl aber deren Begriff, es wäre am ehesten zu verschmerzen.

Ich hatte "den Kollhoff" bisher nur auf Photos gesehen. Dort zeigt er wuchtige Flächen, eine breitflügelige Bildhauerfigur mit Schattenflecken auf der Haut, die straff um den Klotz gespannt liegt. Der Bau wirkt riesig.

In Wirklichkeit ist es bloß ein großes Haus, nirgends natürlich niedlich. Ein Kollhoff denkt gar nicht daran, sich zu verstecken oder durch Tandwerk optisch zu verkleinern. Streift man die Straßenfassade entlang und durchquert den Block über den vieleckigen Innenhof hinunter zur alten Hafenmole, fangen Filmbilder des italienischen Neorealismus an durch den Schädel zu laufen; spröde Schönheiten und wehmütige Erinnerungen an eine Lebenslust im Aufbruch. Gewiß, die Nordfassade ist hart gesetzt, sozusagen ellenlang. Hoch oben schwebt in riskanter Auskragung, was die Architekten einen Laubengang nennen. Damit meinen sie einen überdachten Balkonweg zu den Wohnungen; ein konstruktiver Kniff, der in diesem Falle Baukosten für Fahrstühle sparte, die auf zwei solcher Schächte beschränkt werden konnten.