er kleine Georgij liegt im Bett und wimmert. Aus dem Perfusor, dem galgenähnlichen Gestell mit Flasche und Schlauch, tropft unaufhörlich Gift in seinen Körper. Ein Gift, das ihn retten soll, retten wird - falls er die Nebenwirkungen überlebt. Noch hat er seinen blonden Haarschopf, doch kein Zweifel: In weniger als zwei Wochen wird auch er kahlköpfig sein wie die meisten der rund fünfzig Kinder in der Minsker Kinderklinik Nr. 1.

"Die Chemotherapie frißt alles weg", sagt die junge Ärztin Natascha Schur. "Die kranken und die gesunden Zellen, die Haare und manchmal auch die Seele der Kinder." Sie streichelt Georgij, sagt der Mutter am Bettrand ein tröstendes Wort. Ein paar Stunden später holt sie Georgij zur Interpunktion, zur schmerzhaften Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit. Eine lange Nadel dringt tief in die Wirbelsäule des Vierjährigen. Er wimmert nicht mehr, er ist ohnmächtig. "Wir konnten ihn nicht betäuben", sagt Natascha, "wir haben keine Narkotika." Die Mutter weint. "Wir werden alles ertragen, wenn wir nur überleben", sagt sie.

Es war am 29. April 1986, gerade drei Tage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl, als die ersten Kinder kamen - aus dem Mogiljower Rayon, dem Grenzgebiet zur Ukraine. "Über hundert, alle waren verstrahlt", erinnert sich Olga Aleinikowa, die Klinikchefin. "Wir konnten nicht viel mehr tun, als sie zu waschen und ihre Kleider zu verbrennen." Am Abend jenes Tages hielt sie das Dosimeter auch an ihren Körper. Die oberste Skala auf dem Gerät reichte nicht für die Anzeige.

In den Jahren danach starben durchschnittlich fünf Kinder pro Woche in der Klinik. Noch 1989 mußten die Eltern die wichtigsten Medikamente selbst besorgen, wurde nach veralteten russischen Methoden therapiert, gab es nur vierzig Betten im Krankenhaus. Der Staat verschwieg noch immer das Ausmaß der Katastrophe, schickte Hilfe nur sporadisch. Oder stellte sich offen gegen eine umfassende Fürsorge: Als eine Reportage über das Krankenhaus im damals noch unionsweiten Fernsehen ausgestrahlt wurde, drohte der Gesundheitsminister mit der Aberkennung des Diplomsvon Dr. Aleinikowa. Sie ließ sich nicht beeindrucken. Erst nach beherzten Hilfsaktionen aus der Bevölkerung sah er sich genötigt, zusätzliche Mittel bereitzustellen.

"Ich wußte, wenn ich aufhöre, sind die Kinder tot", erinnert sich Aleinikowa an die Zeit. Sonst redet sie kaum über Vergangenes, die Gegenwart ist wichtiger. Sie klagt nicht und klagt niemanden an. Sie will nur Hilfe, Geld für ihre Kinder, rasch.

Die eigene Gesundheit kümmert sie wenig. Eine Zigarette nach der anderen, literweise Kaffee, so bringt sie ihren 15-Stunden-Tag herum. Immer auf dem Sprung, auf der Suche nach Medikamenten, notwendiger medizinischer Ausstattung. Dafür reist sie um die Welt, sammelt Millionen Rubel, Dollar, D-Mark, je nachdem, was gerade zu bekommen ist.

"Ich bin so ein Opfer von Dr. Aleinikowa", sagt Michael J. Christensen lächelnd. Vor knapp vier Jahren war der Reverend das erste Mal aus San Francisco nach Minsk gekommen. Eigentlich nur, um ein wenig zu missionieren und zu sehen, ob es irgend etwas zu helfen gebe. "Dieses Ausmaß an Not hatte ich nicht geahnt." Den Satz Olga Aleinikowas nach dem Rundgang habe er noch heute im Ohr: "Sie hielt mich am Ärmel fest, sah mir in die Augen und sagte: ,Sie können meine Kinder nicht sterben lassen!`"