Jorge Semprún alias Federico Sánchez alias Rafael Artigas alias Juan Larrea alias Gérard: Identitäten, literarische Figuren, Teilbiographien, Legenden - im geheimdienstlichen wie im epischen Sinn. Er ist Spanier von Geburt und Franzose nach Exil und eigener Wahl - man könnte sagen: von Kultur. Er war Partisan, KZ-Häftling, Übersetzer, KP-Funktionär, Agent, Schriftsteller und schließlich Minister. Und immer wurden aus den biographischen Etappen Bücher, die man irgendwo zwischen Thesenroman und Autobiographie einordnen kann.

In seinem Terroristen-Roman "Netschajew kehrt zurück" trifft man zweimal auf einen namenlosen Spanier, in nabokovscher Tradition in der allerbescheidensten Nebenrolle und mit einiger Kenntnis als Autor zu identifizieren. Er taucht am Tag nach der Befreiung des KZ Buchenwald zum ersten Mal auf: ein Überlebender, der die Lebenden erschreckt mit seinem "Blick von einem toten Stern". Mit diesem Blick nimmt nun Semprúns neuestes Buch, der dritte Teil seines autobiographischen Berichts über die Deportation, seinen Anfang: das Buch von der Rückkehr ins Leben. Ein zweites Mal begegnen wir diesem Namenlosen dann im franquistischen Madrid; damals als Semprún gerade Federico Sánchez war und viel Zeit auf unauffällige und angenehme Weise im Prado verbrachte. Dieselbe Episode kehrt wieder in Semprúns vorletztem Buch: dem Ministerbuch.

Solche Verknüpfungen, Hinweise, Selbstzitate sind charakteristisch für sein literarisches Werk - ein Werk, das vom Leben nicht zu trennen ist. Biographie und Literatur fallen einander ins Wort - oder in den Arm: der Selbstmord des KZ-Überlebenden Larrea in "Der weiße Berg" ist der Selbstmord, den Semprún selbst nicht beging (Larrea war auch einer der Noms de guerre im antifranquistischen Untergrund.) Für einen solchen Schriftsteller ist Bücherweisheit eher Essenz von Lebensweisheit als Ersatz dafür.

Drei Jahre lang, von 1988 bis 1991, war er Minister. Gelernt daraus hat er: "Nichts Wichtiges, schien mir. Jedenfalls nichts über die Macht. Nichts, was ich nicht schon aus den Büchern erfahren hätte." Oder aus der eigenen Biographie nicht schon gekannt hätte. In den ministerialen Aufzeichnungen präsentiert sich Jorge Semprún als Homme de lettres und spanischer Adelssproß mit drei höchstrangigen Politikern im Stammbaum. Federico Sánchez ("eine Episode meiner selbst"), eins der leitenden Phantome des kommunistischen Untergrunds im Spanien der fünfziger Jahre, wird damit endgültig verabschiedet. Vor dem einstigen "Terroristen" präsentiert die Guardia civil nun zu dessen Genugtuung ehrerbietig und protokollgemäß das Gewehr.

Sein Ressort: die Kultur; Parteizugehörigkeit: keine. Aber unparteiisch blieb er dabei keineswegs. Er ergriff als Minister - wie als Autor - Partei gegen die Partei; will heißen, gegen den Parteiapparat an sich. All das, was einem Intellektuellen seines Formats und seines Lebenslaufs zutiefst zuwider sein muß, ist auf der politischen Bühne verkörpert durch den Vizepräsidenten Guerra: der Apparatschik, der Dogmatiker, der Parvenü, der Intrigant und noch dazu der öffentliche Bigamist, dessen Bastard auch noch vom Steuerzahler . . . und so weiter. Kurz: der Teufel im politischen Guignol. Den dazugehörigen Kasper spielte Semprún selbst. Mit Häme und durchaus nicht mit gewohnter Stilsicherheit prügelt er seitenlang auf diesen Gegner ein; und da erweist sich der Buchautor als so wenig weise und zurückhaltend, wie es der Politiker gewesen ist. Bis die Aufführung eines der ersten größeren innenpolitischen Skandale der sozialistischen Ära Guerra schließlich von der Bühne schafft, hat sich sein eifernder Widersacher Semprún in Buch und Leben nicht eben mit Ruhm bekleckert.

Seine Schritte ins Fettnäpfchen, grandseigneurhaft und unbekümmert um Strategien der Machterhaltung, machten es seinen Gegnern zur Schadenfreude des Publikums leicht. Der Abgang des Ministers war schon längst beschlossene Sache, als er noch sieben Beamte der Kulturverwaltung en bloc feuerte, weil sie seiner heftigen Zustimmung zum Golfkrieg widersprachen. Über diese Epoche ist in seinem Buch allerdings nichts mehr vermerkt.

Es ist ja auch kein Tatsachenbericht. Den "Vernunftgründen der Macht, ihrer düsteren oder strahlenden Rationalität" hat der Autor nichts hinzuzufügen - und will es offensichtlich auch gar nicht. Also keine Enthüllungen über die Geheimnisse des Schnürbodens - oder die Figuren des Guten Königs und seines weisen Ministers González. Enthüllt wird zwar dies und jenes, aber eher Marginalien wie charakterliche Fehlbildungen von Kabinettskollegen, Präsidentengattinnen oder einstigen Parteigenossen wie Vázquez Montalbán. Enthüllung ist ein Wort, das zu einem Semprún schlecht paßt. Er läßt, sagen wir, einfach seinen persönlichen und politischen Antipathien ein wenig die Feder schießen. Der selbstherrliche Ton, den er gegenüber seinen Kritikern anschlägt, erklingt ganz und gar nicht auf der Höhe von Semprúns sonstigen Reflexionen.