Einen Katzensprung nur von London entfernt liegt in der pastoralen Landschaft Südenglands, umgeben von einem prachtvollen Park, das Landhaus Chartwell. Hier lebte von 1924 bis zu seinem Tod 41 Jahre später Winston Churchill zusammen mit seiner Frau Clementine (Clemmie). Hier schrieb der große Politiker die meisten seiner 48 Bücher, hier malte er, entwarf seine Reden, bewirtete Besucher, vor allem aber schöpfte er die Kraft, jahrzehntelang Politik zu betreiben.

Zum ersten Mal sah Churchill das Haus 1921. Weniger das Anwesen als vielmehr die Aussicht faszinierte ihn sofort. Von Chartwell geht der Blick über die sanft gewellten, grünen Hügel des Weald of Kent - wie diese anmutige Landschaft genannt wird. Auch Clemmie war begeistert - vom Ausblick wohlgemerkt, nicht vom Haus, das sie irredeemably ugly - rettungslos häßlich - fand. Wichtig aber war wohl auch, daß Chartwell nur 37 Kilometer von Westminster, also von den "Korridoren der Macht", entfernt lag. Doch vorerst hatte Churchill, sein Leben lang in Finanznöten, gar nicht das Geld, das Anwesen zu erwerben.

Ende des gleichen Jahres jedoch machte er eine Erbschaft, die ihm ein Einkommen von 4000 Pfund jährlich sicherte, und seine englischen und amerikanischen Verleger zahlten ihm die für damalige Verhältnisse gewaltige Summe von 22 000 Pfund für "The World Crisis", den ersten Band seiner Geschichte des Ersten Weltkriegs.

Chartwell stand immer noch zum Verkauf, Churchill zahlte 5000 Pfund. Wenig im Vergleich zu den nun anstehenden Renovierungskosten. Philip Tilden, spezialisiert auf die Modernisierung alter Landsitze, machte sich an den Ausbau des Hauses. "Keiner meiner Kunden hat mir je soviel Probleme bereitet und gleichzeitig mit so viel Interesse am Fortgang der Arbeiten teilgenommen wie Mr. Churchill", stöhnte der Architekt noch Jahre später. Um zusätzlichen Platz zu schaffen und um möglichst viele Räume mit der Aussicht auf den Weald auszustatten, kam ein großer neuer Flügel hinzu, den der stolze Hausbesitzer - um Übertreibungen nie verlegen - sogleich my promontory, mein Vorgebirge, nannte.

Chartwell erwies sich als ein Faß ohne Boden. Als Churchill im April 1924 den ersten Brief aus dem Haus an seine Frau schrieb, hatten sich die Ausgaben für den Umbau auf 18 000 Pfund summiert. Aber Churchill war von seinem Heim begeistert, nirgendwo fühlte er sich wohler. "Chartwell, ungeachtet der Schwierigkeiten und Kosten bei der Renovierung, ist ein sehr charmantes und angenehmes Landhaus", so beteuerte er ein ums andere Mal.

Das ist es in der Tat. Steht man einige Meter entfernt im Garten, so steigt auf einem kleinen Plateau ein ziegelroter Bau mit vielen Ecken, Kanten und Kaminen in die Höhe, dessen Farbe angenehm mit dem Grün des Rasens und dem Blau des Himmels kontrastiert.

Während sich Clemmie um die Inneneinrichtung kümmerte, ging Winston den Garten an und begann sogleich damit, Seen ausbaggern zu lassen. Er pflanzte, säte, zog Mauern hoch, und wäre er nicht Politiker, Schriftsteller und Maler geworden, so hätte er als Garten- und Landschaftsarchitekt sein Geld verdienen können.