Bibliotheken funken S.O.S.

Alle Jahre wieder: Gibt es Wichtigeres, Trostloseres als den Bericht des Rechnungshofes? Um nur von der Freien und Sparstadt Hamburg zu reden: 80 Millionen Mark Steuergeld haben die wackeren Voscherau-Beamten allein im Jahr 1993 in die Elbe gekippt. Etwa so: "Die Sozialbehörde hat für eine Million einen Rechner gekauft, der sechs Jahre unbenutzt herumstand. Dann wurde er verschrottet."

Regt sich noch jemand darüber auf? Wie ist das mit dem Schnellen Brüter in Kalkar, vor dem Experten, nicht nur grüne, jahrzehntelang gewarnt haben? Milliarden Steuergeld - verplant, verpufft.

Wehe, ein armes, kleines Kultur-Institut, ein Haus voll Bücher etwa, fügt sich nicht in das Kosten-Nutzen-Korsett. Da zeigen sie mannhaft Stärke, unsere Verschwendungs-Politiker als Sparkommissare.

In Weinheim etwa war die Stadtkasse 1993 leer. Also beschließt der Stadtrat Entleihgebühren für die Bibliothek. Die Bücher entleihen (müssen), sind die, die keine Bücher kaufen können und unter der Kohl-Waigel-Steuerschraube am meisten ächzen: Arme, Rentner, Kinder, Arbeitslose. Also sinkt die Zahl der Neuanmeldungen um 25 Prozent. Statt erwarteter 104 300 tröpfeln gerade 46 000 Mark in die Kasse. Also wird - fehlende Nachfrage! - der Kämmerer der Stadtbibliothek noch weniger Geld zuweisen. So ruiniert ein auf den "Standort" geschrumpftes Land sich selber und zerstört die Zukunft seiner Kinder.

In Köln haben jetzt Bürger gegen die schleichende Barbarei (Schließung von Büchereizweigstellen, Stillegung von Fahrbibliotheken) protestiert: "Ohne kulturelle Basisarbeit, wie sie die Bibliotheken leisten, ist Repräsentationskultur (Museen, Theater) nicht tragfähig. Der politische Anspruch, freie Bildung für alle, ist vergessen. Damit befindet sich Köln in guter Gesellschaft der Herrn Waigel, Schäuble, Kohl & Co. Die allgemeine politische Tendenz geht hin zu Elitebildung auf Kosten der Alten, Kranken und Familien", klagt Heike Baller vor dem Beschwerdeausschuß.

Denkt in unserer scheinbar so gefestigten Demokratie noch jemand an die Warnung des Kieler Bibliothekars Constantin Nörrenberg, der 1896 für öffentliche Büchereien mit diesem Argument gekämpft hat: "Das Stimmrecht in der Hand roher Volksmassen ist für die Nation eine tödliche Gefahr. Daraus folgt, daß der Unbildung entgegen zu arbeiten ist, mit jedem Mittel."

Gut, daß die Beamten der Rechnungshöfe, daß die Bilanz-Prüfer vom Bund der Steuerzahler Bücher lesen können, Rechnungs-Bücher. Sollten sie nicht auch an andere Bücher denken, wenn sie sich über die wohl immer defizitären Kalkulationen von Bibliotheken beugen?

Bibliotheken funken S.O.S.

"Zu hohe Ausgaben bei Stadtbüchereien" mahnt der Bund der Steuerzahler in Niedersachsen an - und liegt völlig daneben. Wenn "beim Erwerb neuer Titel" gespart werden soll, kann eine der Aktualität verpflichtete Bibliothek gleich dichtmachen. Doch weil in Nienburg die Ausleihe eines Buches 8,09 Mark, in Nordhorn nur 2,34 kostet, darf man nicht von "Einsparungen im kommunalen Bibliothekswesen" und "Ausdünnung des Zweigstellennetzes in größeren Städten" faseln und "stärkere Beteiligung der Nutzer an den Kosten" fordern.

Der Bibliotheksverband erinnert zu Recht daran, daß Ausleihkosten nie simpel zu vergleichen sind: Lokale, etwa kirchliche Tradition prägt bis heute das Bibliothekswesen jeder Stadt.

Wenn jetzt auch der Hamburger Rechnungshof (neben berechtigten Mahnungen) "erhebliche Rationalisierungsreserven" gefunden haben will, müssen sich Regierende und Regierte klar sein, daß dies eine plumpe Aufforderung ist, etliche der 53 Stadtteilbibliotheken zu schließen, weil sie nicht "dem Gebot der Wirtschaftlichkeit entsprechen". Da sei an den Weimarer Bibliotheksdirektor Goethe erinnert, der sich in einer Bücherei "wie in der Gegenwart großen Kapitals" fühlte, "das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet".