Neulich traf ich mich mit einem englischen Freund in "O'Hanlon's Pub" in der Nordlondoner Roseberry Avenue. Wir bestellten Steaksandwiches mit kurz angebratenem, blutig rotem Rindfleisch. Welch ein Hochgenuß! Erhöht noch durch die köstliche Vorstellung, wie deutsche Bekannte, sähen sie zu, uns für wahnsinnig hielten. Des Rinderwahnsinns wegen.

Der englische Freund ist kein gedankenloser Zeitgenosse, der sich - wie die Hamburger Woche das beschrieb - an einem "trotzig durchgehaltenen Großversuch Englands" beteiligte, um den Deutschen zu beweisen, daß niemand Angst vor BSE zu haben brauche. Er ist ein langjähriger, führender Aktivist von Greenpeace. Doch zwischen dem Umgang mit der Seuche in Deutschland und auf der Insel liegen Welten. In Großbritannien ist die Hirnverschwammung nämlich schon seit geraumer Zeit kaum mehr ein Thema.

Wie schrieb mir der deutsche Bauer Carl B. doch kürzlich? Die Seuche sei die "Rache der allweisen, allgewaltigen Natur", die "ihren ehernen Gesetzen Gültigkeit verschafft. Glaube doch niemand, daß die Natur sich auf ewig und alle Zeiten von menschlicher Maßlosigkeit vergewaltigen ließe!" Für meinen englisch-steakverwöhnten Geschmack klingt das doch ziemlich braun nach Darré, dem seinerzeitigen Reichsernährungsminister. Oder ist mein Hirn auch schon verschwammt?

Eine Meinungsumfrage ergab kürzlich, daß 50 Prozent der Briten den Deutschen mißtrauen und umgekehrt 47 Prozent der Deutschen den Briten. Warum? Ich vermute mal, bei den Briten hat das mit einem generellen Mißtrauen gegen continentals und mit der Nazizeit im besonderen zu tun. Und bei den Deutschen? Die halbe Miete geht auf den Rinderwahn. Eine Frage der Wissenschaft? Die Wissenschaft über BSE ist so kompliziert und uneindeutig, daß sie als Verhaltensleitfaden kaum herhalten kann. Wissenschaftler geben auf direkte Fragen nun einmal ungerne direkte Antworten. Sie deuten lieber an, "daß unser Verständnis der Biologie der Erreger eine Übertragung auf den Menschen äußerst unwahrscheinlich erscheinen läßt". Sie weisen darauf hin, "daß die Risikokurve auch bei der Übertragung von einer Tierart zur anderen rapide abfällt". Sie führen an, "daß anatomische Barrieren das Risiko zusätzlich verringern".

Der wahre Grund für unseren unbeschwerten Steakgenuß im "O'Hanlon's" hat freilich weniger mit Wissenschaft zu tun. Er ist eher eine Frage der Lebenseinstellung. Man sieht die Dinge nicht nur kommen, sondern auch gehen. Die Medizingeschichte ist ja reich an plötzlich aufflackernden und wieder vergehenden Seuchen. Wie die Encephalitis lethargica, die sich zu Ende des Ersten Weltkrieges epidemisch ausbreitete, die Befallenen wie Parkinsonopfer zurichtete und 1923 so spurlos verschwand, wie sie gekommen war.

Auch der Rinderwahnsinn klingt jetzt ja wieder ab, zeitlich fast den Vorhersagen der Veterinäre entsprechend. Zugegeben: Das Zutreffen der Vorhersagen ist ärgerlich. Die Veterinäre sind nämlich alle bei irgendwelchen amtlichen oder halbamtlichen Instituten beschäftigt. In Großbritannien gilt für jeden Kontakt mit Amtspersonen das altehrwürdige Diktum des berühmten, kürzlich gestorbenen Times-Journalisten Louis Heren: "Frage dich immer, warum diese lügenden Scheißkerle dich anlügen."

Die Außenseiter und Freelances des Wissenschaftsbetriebs, die mit Phantasie und Beharrlichkeit die wundervollsten Theorien um die Seuche schmiedeten, sind viel unterhaltsamer. Professor Richard Laxey mit seiner Prognose eines nationalen Notstandes und durch Hirnschwamm dahinschwindender Bevölkerung. Den Professor haben die deutschen Zeitungen ja auch füglich entdeckt, von taz bis Tango, von Focus bis zur Neuen Revue. Auf der Insel ist der Professor aber nur so beliebt, weil er gegen die Autorität anstänkert.