Pressefreiheit sei die "Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten", schrieb in den sechziger Jahren der Publizist Paul Sethe. Heute, in den Zeiten globaler Datennetze, erscheint dieser Satz auf den ersten Blick absurd. Informationen können mit Lichtgeschwindigkeit fast kostenlos rund um den Globus geschickt werden, und zwar im Prinzip von jedermann, der einen PC, ein Modem und einen Telephonanschluß besitzt. Bereits 35 Millionen Computernutzer sind über Kupferkabel, Glasfaser oder Satellit miteinander verbunden. Die Zahl der Anschlüsse im Internet, dem weltweiten Verbund von Datennetzen, wächst mit zweistelligen Monatsraten. Allein in Deutschland werden jede Woche 30 000 Modems verkauft, um damit Computer und Telephonleitung zu verbinden. Und die Preise für Computerausrüstungen sinken derzeit noch schneller, als die Papierpreise steigen.

Wozu noch Wälder abholzen, aus den Baumstämmen in einem umweltschädlichen Prozeß Papier erzeugen, dieses dann mit Druckerschwärze beschmieren, nur um ein Produkt zu haben, das nach einem Tag weggeworfen wird - wenn man die Nachrichten genausogut mit ein paar Klicks der Computermaus zu den Leuten bringen kann? Wozu braucht es noch Verleger und Journalisten, wenn im Grunde alle Menschen Verleger und Journalisten sein können?

Diese Frage versuchen immer mehr Zeitungen in einem großangelegten Experiment zu beantworten. Sie produzieren elektronische Ausgaben.

Wer Zugang zum Internet hat, kann eine wöchentlich wachsende Zahl von Zeitungen und Magazinen aus der ganzen Welt wohlportioniert auf den Bildschirm holen: Filmkritiken aus dem San Francisco Chronicle, Wirtschaftsnachrichten aus der Irish Times, Photos aus Elle, politische Analysen aus Time - alles gibt es jederzeit und - noch - kostenlos. Das schwedische Aftonbladet ist ebenso mit einer elektronischen Ausgabe dabei wie der britische Daily Telegraph, die deutsche tageszeitung ebenso wie die südafrikanische Weekly Mail. Über 200 Zeitungen und 50 Magazine sind allein über den Datendienst Compuserve zu haben. Anfang April ging USA Today, Amerikas einzige nationale Tageszeitung, ans Netz. Am weitesten ist der Trend in den Vereinigten Staaten gediehen. Dort haben schon neunzehn Prozent aller Zeitungen elektronische Ausgaben. In Deutschland sind immerhin über zwanzig Titel im digitalen Angebot.

Werden die On-line-Zeitungen den herkömmlichen den Garaus machen? Oder wird der virtuelle Kiosk ebenso ein Flop wie Videotext vor zehn Jahren? "Es ist wie in den zwanziger Jahren, als das Radio aufkam. Ein großes Chaos, keine Gesetze, alles wird ausprobiert, aber niemand weiß, wie die Infobahn letztlich genutzt wird", sagt Katherine Fulton, eine Journalistin, die an der Duke-Universität in North Carolina die Folgen der neuen Medien für den Journalismus erforscht. Und trotz des Booms ist die Stimmung in der Branche eher verhalten. Vor allem Kapitalanleger sind skeptisch. Als die Los Angeles Times im Februar erstmals Details über ihre Pläne auf der Datenautobahn bekanntgab, ging der Aktienkurs in zwei Tagen um neunzehn Prozent zurück.

Was die Zeitungen in die Datennetze schicken, ähnelt dem Papierprodukt nur wenig. Es sind Informationspakete unterschiedlicher Qualität, die der PC-Nutzer abrufen kann und die laufend aktualisiert werden. Dabei verdienen die Verlage bisher kaum Geld, dabeisein ist alles. Texte und Bilder werden meist gratis vertrieben, aus Werbegründen, aber auch, weil noch niemand genau weiß, wie Preise für die abgerufenen Bits berechnet und kassiert werden sollen. Einzige Einnahmequelle sind oft nur die Honorare, die kommerzielle Datendienste an Datenlieferanten zahlen.

Zu den On-line-Pionieren in den Vereinigten Staaten gehören einige Verleger kleinerer Zeitungen, weil sie fürchten, neue Konkurrenten könnten die noch unerforschten technischen Möglichkeiten der Netze nutzen und die Verlage in ihrem ureigensten Informations- und Anzeigengeschäft bedrohen. Die Sorge ist verständlich. Medienkonzerne sehen sich auf dem Multimediamarkt plötzlich in direkter Konkurrenz mit Telephongesellschaften und Softwarefirmen. Das regionale Telephonunternehmen Bell Atlantic baut in Virginia einen eigenen Videodienst auf. Zum eigenen Nachrichtenangebot ist es da nicht mehr weit.