Was ist von einem Manne zu halten, der unter drei nebeneinander angebrachten Urinoirs das mittlere benutzt und somit jeden Hinzutretenden zwingt, sein Nachbar zu sein? In eine ähnliche Lage gerät der Held aus Walker Percys Roman "Liebe in Ruinen - Die Abenteuer eines schlechten Katholiken kurz vor dem Ende der Welt", und er macht sich so seine kulturkritischen Gedanken. Es gibt nämlich ein paar Dinge, die er lieber alleine, unbeobachtet tut. Das können wir ihm nachfühlen. Öffentlich-nachbarschaftliches Urinieren gilt heutzutage, vom Brandfalle und vom Oktoberfest abgesehen, als unschicklich. Bei Hunden wiederum ist das weithin sichtbare Abkoten statthaft und weist auf einen der Unterschiede zwischen Mensch und Tier hin. Ein anderer Unterschied besteht darin, daß Tiere in der Regel kein Geld benötigen und deshalb der peinvollen, geradezu obszönen Bargeldbeschaffung enthoben sind. Offen gestanden sind wir in dieser Frage früher ziemlich achtlos, ja zuchtlos gewesen. Es hat uns nichts ausgemacht, im Angesicht umstehender Bankkunden die vom Kassierer hingeblätterten Scheine in Empfang zu nehmen und nachzuzählen. Noch heute treibt es uns die Schamröte ins Gesicht, denken wir nur daran. Verfeinerungen gehören zum Prozeß der Zivilisation. Früher kackte man im Chor, heute geht, wer Geld braucht, heimlich zum Automaten und verrichtet mit runden Schultern das peinliche Geschäft. Weil aber einen jeden die Notdurft überkommen kann, gebietet es die Scham, beim Anblick dieser Mitbürger, die jetzt überall an zugigen Ecken oder in gläsernen closets stehen, die Augen niederzuschlagen und rasch vorüberzuschreiten. Treibt einen das nämliche Bedürfnis, so stelle man gebührenden Abstand zum Nachbarn her und gucke unverfänglich. Die Banken und Sparkassen, im Inland wie im Ausland auch, sind dafür zu preisen, daß sie der Roheit und Schamlosigkeit öffentlicher Geldübergabe ein Ende bereitet haben, und wenn wir richtig verstehen, was Telebanking heißt, dann geht der Schritt in die richtige Richtung: Selbstbefriedigung beim Aufruf des Kontostandes (eine Gefahr, von der sich der Verfasser frei weiß) geht ja wirklich niemanden etwas an. In Bunuels Film "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" verläßt während einer Abendgesellschaft, die auf Toilettenschüsseln rund um eine Tafel stattfindet, ab und zu einer der Gäste den Saal und begibt sich in ein abgeschlossenes Kabinett, wo hinter einer zu öffnenden Klappe Speisen warten, die er gierig zu sich nimmt. In der Tat ist der Anblick essender Mitmenschen kaum erbaulicher als der urinierender. Das gleiche gilt natürlich für das Schreiben, vor allem für das Absondern von Glossen, und es versteht sich von selbst, daß auch dieser Beitrag in einer jener intimen, öffentlichkeitsabgewandten Situationen verfertigt wurde, wie sie diese Redaktion immer wieder herzustellen in der glücklichen Lage ist.