Am 8. und 9. Mai wollen mehrere westliche Staatsmänner in Moskau den Sieg der Alliierten des Jahres 1945 über das mörderische NS-Reich feiern. Begrüßenswert ist die Absicht dieser Politiker, dem russischen Volk und den anderen Völkern der einstigen Sowjetunion besondere Ehre zu erweisen. Bestimmt werden an diesem Tag in allen Gebieten der einstigen Sowjetunion viele Menschen sich daran erinnern, wie die Wege von Stalingrad bis Prag, von Leningrad bis Berlin mit ungezählten Opfern erkämpft wurden. In Rußland, in Belorußland, in der Ukraine gibt es kaum eine Familie, die nicht gefallene oder verkrüppelte Angehörige zu beklagen hat.

Die guten Absichten der heutigen politischen Rußlandfahrer könnten am besten dann verwirklicht werden, wenn die festlichen Begegnungen und feierlichen Kundgebungen dauerhafte sachliche Beziehungen zwischen ehemaligen Kriegsteilnehmern, Schülern, Wissenschaftlern und vielen anderen Gruppen einleiteten. Das ist bisher nicht geschehen, nur so aber würden diese Gedenktage sinnvoll und fruchtbar begangen.

Doch die Politiker, die beanspruchen, demokratische Staaten zu vertreten, kommen nach Moskau nicht als Abgesandte von Volk zu Volk, sondern als Ehrengäste von Präsident Jelzin und General Gratschow - einer volksfremden Regierung, die einen grausam verheerenden Krieg gegen das kleine tschetschenische Volk führt. Einen Krieg, der bereits zu einem Krieg gegen die russische Demokratie geworden ist.

Dieser Regierung mißtrauen die meisten Menschen in Rußland, denn sie vertritt nur die egoistische privilegierte Oberschicht der Bürokratie, der alten und neuen korrumpierten Nomenklatura, der habsüchtigen Neureichen. Diese Regierung mißachtet Menschenrechte, internationales Kriegsrecht und sogar Verträge, die von ihren Vertretern unterzeichnet wurden; diese Regierung toleriert und fördert faschistoide, militant chauvinistische Verbände und läßt zu, daß auf Moskaus Straßen Hitlers "Mein Kampf" preiswert angeboten wird. Gleichzeitig werden ökumenisch gesinnte Geistliche und demokratische Journalisten bedroht, einige von ihnen wurden ermordet; die Behörden aber vermögen weder die Mörder noch ihre Auftraggeber zu ermitteln.

Im Westen hört man immer wieder, daß die Politreisen nach Moskau notwendig seien, um "Rußland nicht zu beleidigen". Das ist wieder ein Muster der verhängnisvollen diplomatischen Tradition, wie sie im Münchner Abkommen von 1938 und 1945 in den Vereinbarungen von Jalta und Potsdam zum Ausdruck kam.

Diese Kritik soll nicht zu einem neuen Kalten Krieg, soll zu keinem Rußlandboykott führen. Im Gegenteil: Diese Sichtweise verlangt Erweiterung und Vertiefung sowohl geistiger als auch wirtschaftlicher Verbindungen mit dem wahren Rußland. Dauerhafte Verbindungen sind lebensnotwendig für beide Seiten.

Das wahre Rußland verkörpern Andrej Sacharow und seine geistigen Erben, wie der Menschenrechtler Sergej Kowaljow, der eben deshalb von dieser Regierung ausgestoßen wurde. Diejenigen westlichen Politiker, die das immer noch nicht begriffen haben, die aus der Geschichte nicht lernen wollen und glauben, daß sie eine besonders schlaue Ostpolitik betreiben, indem sie praktisch zu Anwälten und Wahlhelfern von Jelzin und Gratschow werden, machen sich dadurch mitverantwortlich für deren verbrecherische Politik.