In einem Gebäude direkt neben der Kirche haben sich die Soldaten niedergelassen. Wie viele es sind, ist schwer auszumachen. Hinter einer Mauer taucht ab und zu ein junges Gesicht auf, eher lässig als drohend in die Runde blickend. Wollen sie in ihr Quartier, dann müssen sie an Kirche und Pfarrhaus vorbei. Regelmäßig schlendern ein paar von ihnen schwer bewaffnet hin und her. Kinder spielen in der Nähe, manchmal unterhalten sie sich mit den jungen Soldaten.

Die Kirche ist ein nichtssagender Neubau mit einem falschen Giebel über dem Eingang. Ein Blick nach oben zeigt: Auch dort haben sich Soldaten breitgemacht. Ab und zu schaut einer von ihnen über die Brüstung, nicht einmal bewußt unauffällig. Er mag sich denken, das ganze Dorf weiß es sowieso und damit auch die Guerilla, und so spielt es auch keine Rolle, ob man ihn nun sieht oder nicht.

Vom höher gelegenen Garten des benachbarten Pfarrhauses schauen wir auf das Kirchendach und sehen noch eine zweite Mauer. Ein paar Meter hinter dem falschen Giebel haben die Soldaten sie gebaut, diesmal mit Schießscharten. "Das ist ein komisches Gefühl", sagt der Padre, "wenn du unten in der Kirche die Messe liest und weißt, über dir patrouillieren die Soldaten, und auf der anderen Seite des Flusses verstecken sich Guerilleros in den Bergen . . ."

Kurz zuvor hatte er uns sein Schlafzimmer im Pfarrhaus gezeigt. Über seinem Bett, vielleicht dreißig Zentimeter über dem Kopfkissen, ist ein daumendickes Loch in der Wand: "Ein Einschuß!" Von der anderen Hügelseite hatten Guerilleros die Soldaten unter Feuer genommen. Oder hatten sie vielleicht auch den Padre treffen wollen? "Natürlich nicht", sagt er selbstsicher, "mit uns legt sich die Guerilla nicht an."

Als hätte er die Frage geahnt, erzählt er, daß sie vor zwei Jahren beim zuständigen General erreicht hätten, daß die Soldaten sich wenigstens vom Kirchendach zurückzogen. "Aber es dauerte nicht lange, da waren sie wieder oben."

Weite Teile der Provinz von Santander nördlich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá werden noch immer von der Guerilla beherrscht. Mindestens zwei Guerilla-Organisationen, die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) und die Ejercito de Liberacion Nacional (ELN) operieren in dieser Gebirgszone. In der Gewalt sehen sie immer noch das einzige Mittel zu politischer Veränderung. Aber die Gewalt wirkt in Kolumbien wie eine ansteckende Krankheit. Sie hat nicht nur die Militärs erfaßt, die mit gleicher Brutalität zurückschlagen und prophylaktisch Menschen umbringen. Eine ganze Entführungsindustrie hat sich auf die Gewaltspirale geschwungen und zieht Profit aus der allgemeinen Unsicherheit und der generellen Kriminalisierung der Gesellschaft. Über die Verbindungen zwischen Guerilla und Drogenkartellen kann man nur spekulieren.

Das kolumbianische Gesundheitswesen wird durch die Opfer der Gewalt finanziell schwer belastet. Auf jeden Ermordeten (10 000 bis 15 000 pro Jahr) kommen fünf bis sechs Verletzte, die in den Krankenhäusern behandelt werden müssen.