BERLIN. - Der Schriftverkehr füllt einen Aktenordner, die Behördengänge addieren sich zu stattlichen Kilometern, die Zeit läuft davon, und die Nerven liegen blank: Seit nunmehr sieben Jahren kämpft der iranische Ingenieur Hassan S., um Deutscher zu werden - und es gelingt ihm nicht. Dabei hat er die Voraussetzungen für eine Einbürgerung längst erfüllt: Er lebt seit zwanzig Jahren in Berlin und ist seit 1977 mit einer Deutschen verheiratet. Doch eine kafkaeske Bürokratie verwandelt den Weg zum deutschen Paß in einen Teufelskreis.

Den ersten Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellte Hassan S. 1988. Dagegen erhob die Innenbehörde "entwicklungspolitische Bedenken". Herr S. sei als Student eines Entwicklungslandes nach Deutschland gekommen und müsse deshalb seine hier erworbenen Kenntnisse zum Aufbau seines Heimatlandes nutzen. Da er jedoch mit einer Deutschen verheiratet sei, wolle man seinen Antrag zwei Jahre nach Abschluß seines Studiums wohlwollend prüfen.

Das Ingenieurdiplom in der Tasche, startete der Iraner 1991 den zweiten Versuch. Der ließ sich gut an. Der Bundesinnenminister, so teilte man Herrn S. mit, habe nichts gegen seine Einbürgerung. Nun müsse er nur noch seine iranische Staatsbürgerschaft ablegen. Doch beim dafür zuständigen iranischen Konsulat lief der Ingenieur gegen eine Wand aus Schweigen. Seinem Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft verweigerte man die Eingangsbestätigung. Auch die schriftliche Zusendung per Einschreiben blieb ohne Reaktion. Als Herr S. nach wochenlangem Warten erneut beim Konsulat vorsprach, stellte man sich dort dumm.

Hassan S. beharrte darauf, das Formular an Ort und Stelle neu auszufüllen. Doch dazu, so beschied der Konsulatsbeamte, müsse er bestimmte Bedingungen erfüllen: 23 Portraitphotos samt Negativstreifen sollte Hassan S. beibringen, dazu 15 Photos seiner Ehefrau, nach islamischer Sitte mit Tschador verschleiert, und eine Arbeits- oder Verdienstbescheinigung. Damit aber konnte der Iraner nicht dienen. Zum damaligen Zeitpunkt war er arbeitslos. Er lebte vom Geld, das seine Frau verdiente. Mit ihr jedoch ist er nur nach deutschem Recht verheiratet, und das erkennen iranische Behörden nicht an. In seinen Paß tragen die Konsulatsbeamten beharrlich "unverheiratet" ein.

Mehrmals hat Hassan S. in der diplomatischen Vertretung vorgesprochen, jedesmal verweigerte man dort die Annahme des Ausbürgerungsantrags, da er keine Arbeitsbescheinigung vorlegen konnte. Entnervt vertraute Herr S. schließlich auf einen Passus im Ausländergesetz: In Fällen, wo ein Heimatland die Entlassung aus der alten Staatsbürgerschaft "willkürhaft versagt" oder den Entlassungsantrag nicht in "angemessener Zeit" bearbeitet, sei von deutscher Seite auch eine doppelte Staatsangehörigkeit zu akzeptieren. Herr S. fand das Verhalten seines Konsulats "willkürhaft" und monatelanges Warten "eine nicht angemessene Zeit".

Nach über einem Jahr erhielt er von der Einbürgerungsbehörde den Bescheid: Eine Mehrstaatigkeit werde erst dann hingenommen, wenn durch "Vorlage des Schriftverkehrs glaubhaft dargetan ist", daß zwei Jahre lang "trotz ernsthafter und nachhaltiger Bemühungen" eine Entlassung aus der alten Staatsangehörigkeit "von unzumutbaren Bedingungen abhängig gemacht worden ist". Und eine Arbeitsbescheinigung gelte nun einmal nicht als "unzumutbare Bedingung" - was stimmen mag, sofern man eine solche Bescheinigung hat.

Völlig entnervt hat das Ehepaar S. politische Instanzen um Unterstützung angeschrieben: Das Auswärtige Amt fühlte sich nicht zuständig und verwies an das Innenministerium. Das beschied, die Angelegenheit sei Ländersache, Berlin wiederum glaubt seine Hände durch juristische Vorschriften gebunden. Dabei weiß auch die hiesige Einbürgerungsbehörde, daß Hassan S. kein Einzelfall ist. Mindestens jedes zweite Einbürgerungsgesuch von Iranern, schätzt Behördenleiter Gunter Britz, "stößt auf extreme Hindernisse. Die diplomatischen Vertretungen des Iran geben nur hinhaltende Antworten. Die Verfahren schleppen und schleppen sich." Das Mullah-Regime in Teheran läßt seine Untertanen nur ungern ziehen. Und die neue Heimat Deutschland nimmt iranische Staatsbürger nur mit Skepsis auf: Ihre Einbürgerungsanträge müssen zusätzlich auch vom Bundesinnenminister genehmigt werden.