Potsdam, Ende April. Ich könnte ihn malen, den kleinen Russen mit dem runden Gesicht und der Pistole in der Hand, wie er Schublade für Schublade aufzog und "Uri Uri" verlangte. Unverrichteter Dinge zog er wieder ab, der Vater hatte seine Goldene im Ofen versteckt, und erst ein großes Ostereiersuchen, sehr viel später, brachte sie wieder ans Tageslicht.

Es war für den Zehnjährigen aufregend. Am Abend vorher hatte ihn der Fähnleinführer noch zum Hordenführer ernannt. Ganz feierlich im Park von Sanssouci. Es war ein milder Abend, und es roch nach Frühling. "Wir werden uns von nun an mit der geballten Faust in der Tasche grüßen", sagte der Fähnleinführer (er wurde später Pfarrer), "morgen wird der Russe da sein." Und der kam wirklich. Der Russe, das waren Gestalten in braunen Uniformen, die die Straße entlangzogen. Sie schickten uns in die Häuser zurück.

Nebenan in der Garage machte sich etwas später einer von ihnen an unserem aufgebockten Opel zu schaffen. Er bekam den Wagen flott, ich schaute zu, und er nahm mich mit zu einer Fahrt um die Ecken. Später lief ich durch die Stadt bis zur Glienicker Brücke, wo die Großmutter in einem Altersheim lebte. Sie war nicht da. Im ganzen Haus keine Menschenseele. In ihrem Zimmer standen alle Schränke und Schubladen offen. Im obersten Fach der Kommode lag ein Mutterkreuz mit dem Naziemblem. Ich hatte das Gefühl, ich sollte es mitnehmen. Unheimlich war es. Ich rannte heim, vorbei an einem toten deutschen Soldaten, der an einem Laternenpfahl lehnte.

Abends gingen wir, Vater, Mutter und Schwester, die drei Schritte zum Park von Sanssouci, wo eine Tante lebte. Sie war geflohen. Auch ihr Haus stand leer. Wir holten ein paar Silbersachen von ihr nach Hause, und mein Vater griff nach Hitlers "Mein Kampf". "Jetzt sollte ich ihn doch mal lesen", höre ich ihn sagen.

Auf dem Weg zurück grüßte uns der Zahnarzt, Dr. L.: "Guten Abend, Herr v. K." Mein Vater, so laut, daß die Menschen auf der Straße es hören mußten: "Wieso guten Abend? Das heißt Heil Hitler." Mein Gott, war mir das peinlich.

Am Abend kam Zahnarzt Dr. L. zu meinen Eltern. Erst später erfuhr ich, daß er versuchte, ihnen zu erklären, warum er "mitgemacht" habe. Die Russen machten meinen Vater zu einer Art Polizisten. Er bekam eine Armbinde mit Buchstaben, die ich nicht verstand.

In der Erinnerung war es ein schöner Frühling. Es passierte so viel, und endlich scheuchten uns nachts die verdammten Sirenen nicht mehr in den Luftschutzkeller.