Die Geschichte beginnt immer mit der gleichen Urszene, mit dem vernachlässigten, einsamen Kind, das zuviel liest, die Welt vielleicht nicht, aber die Dichter versteht und es nicht erwarten kann, selbst einer zu werden. Das Kind leidet unter einem unbegreiflichen Vater, den immer noch ein Nervenzusammenbruch heimsuchte, unter einer strengen Mutter, die sich gegen Mann und Kind zur Wehr setzte, indem sie einfach ertaubte. Es ist die alte Geschichte, inzwischen nur mehr als Heldensage überliefert, denn es gibt diesen großbürgerlichen Haushalt nicht mehr, in dem das vernachlässigte, einsame Kind des Menschlichen so schrecklich müde ist und mit vierzehn Jahren bereits die gesamte Weltliteratur durchhat.

Edmund Wilson kam am 8. Mai 1895 in Red Bank in New Jersey zur Welt. Oberster Richter im Staat New Jersey war der Vater, Nachfahr der so überaus rechtschaffenen Männer, die einst in SEinem Namen die amerikanischen Kolonien gegründet hatten. Der berühmteste unter ihnen war Cotton Mather, der am Ende des 17. Jahrhunderts seine abendländische Bildung dazu benutzte, im Kirchspiel Salem alleinstehende Frauen der Hexerei anzuklagen und unter Glockengeläut und allerlei frommen Sermonen aufzuknüpfen.

Edmund Wilson hielt sich fern von der Rechtsgelehrtheit, in der seine Familie exzelliert hatte, ging auch nicht in die Politik, sondern neigte der schönen Literatur zu, noch mehr aber dem Predigen. Sein Wort war, wenn er es ex cathedra in The New Republic und im Partisan Review, später für den New Yorker verkündete, nicht bloß bindend, sondern glaubwürdig. Wilson wußte es im Zweifel besser. So groß war sein Einfluß, daß 1940 selbst F. Scott Fitzgerald, sonst damit ausgelastet, sich unter kalifornischer Sonne in den Tod zu trinken, in seinen letzten Monaten noch mal zur Schule ging und den "Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon" studierte, weil Edmund Wilson Marx zur Lektüre empfohlen hatte.

Fitzgerald blieb dafür Wilsons Idol. Schon in Princeton hatten sie kleine Stücke zusammen geschrieben. Während seiner Boheme-Jahre in Greenwich Village probierte er es immer wieder, schließlich mit einem neusachlich-surrealistischen Ballett für Orchester, Filmprojektor, Schreibmaschinen, Radio, Plattenspieler, Nietmaschine, Elektromagnete, Wecker, Telephonklingel und einer Jazzband, vor dem Cocteau und Darius Milhaud erbleichen sollten. Chaplin zeigte nicht das erhoffte Interesse, ein Reinfall.

Betrübt und zögernd nur nahm Wilson auf dem Kunstrichterstuhl Platz und debütierte mit einer Monographie, die noch heute die beste Einführung in die Moderne bietet, "Axels Schloß" (1931). Während in den USA der "Ulysses" wegen Schmutz & Schund noch immer verboten war, schrieb Wilson seine Studie über Joyce, Yeats, Gertrude Stein, Valéry, Proust und Eliot, Autoren, die an den Universitäten nicht gelehrt wurden und die der gewöhnliche Buchkäufer gar nicht kannte. Mit seiner eigenen polyglotten Bildung war Wilson der ideale Interpret für Prousts Pastiches, für Eliots makkaronische Gedichte und Joyce' Glossolalie. Nur er konnte den Einfluß von Emerson und Dickens auf Proust nachweisen und beiläufig bemerken, daß die "Recherche" "bei all ihrer Schönheit und ihrem Humor eines der düstersten Bücher ist, das je geschrieben wurde".

Wilson kunstrichtet wie ein strenger Schulmeister. "Was ist los mit Proust?" fragt er amerikanisch-pragmatisch und tadelt Eliot, der "doch erst Anfang Vierzig" sei, weil er sich bereits als alten Mann stilisiere. Marcel Proust hat keine schönere Charakterisierung gefunden als in dieser abschließenden Miniatur, die zugleich ein heftig aufpoliertes Selbstportrait ist: "Proust ist vielleicht der letzte große Historiker der Liebe, der Gesellschaft, der Intelligenz, der Diplomatie, der Literatur und der Kunst im Haus Herzenstod der kapitalistischen Kultur; und der kleine Mann mit der traurigen, flehenden Stimme, dem Kopf des Metaphysikers, der scharfen Nase des Sarazenen, der schlechtsitze nden Hemdbrust und den großen Augen, die alles um ihn herum wahrzunehmen scheinen wie mit den facettierten Augen einer Fliege, er beherrscht die Szene und spielt den Gastgeber in einem Haus, dessen Herr er nicht mehr lange sein wird."

Wilson blieb zwar weiter im alten Haus der Sprache wohnen, rezensierte brav alles Neue, entdeckte und verurteilte nach alter Weise, aber schon dürstete es das Kind nach einem neuen Abenteuer. In den dreißiger Jahren war jeder gute Amerikaner Kommunist. Selbst die Nachfahren der Pilgerväter, die staatstragenden Karyatiden bis heute, wagten sich hinaus ins feindliche Leben, stellten sich bei Arbeitskämpfen an die Werkstore und erlebten mit, wie die von den Fabrikbesitzern bezahlten Polizisten streikende und hungernde Arbeiter zusammenknüppelten, auf Anfrage auch totprügelten.