Volker Schlöndorff sagt, er könne ein deutsches Frauengesicht sofort auf der Leinwand erkennen. Unter Hunderten. Edgar Reitz fragt nicht, woran.

Helma Sanders-Brahms spricht von der Selbstzerstörung der deutschen Kulturnation durch die Emigration der Juden. Der Verlust sei schlimmer als die Zerstörung durch den Krieg. Ich dachte immer, daß die Deutschen zwischen 1933 und 1945 die anderen zerstört haben.

Wim Wenders wiederholt seine These aus den siebziger Jahren vom Mißbrauch der Bilder in der Nazizeit. Aber er zieht heute eine andere Schlußfolgerung. Vor zwanzig Jahren leitete er daraus die besondere Verantwortung der Filmemacher ab und die Notwendigkeit der Suche nach anderen Bildern: Die Verunsicherung schärfte den Blick. Heute bedauert er den Verlust der Unschuld: "Das war unsere größte Hypothek, daß wir das Mißtrauen in die eigenen Bilder letzten Endes nicht ausräumen konnten. Deshalb sind die Bilder von woanders den Deutschen immer noch vertrauter als die eigenen." Wenders spricht leise, im Flüsterton: ein verlorener Sohn. Und Edgar Reitz fragt nicht nach, ob Wenders ernsthaft befürchtet, daß Hollywood infolge des Holocaust unsere Phantasie überfremdet. Er will nicht wissen, was denn ein unschuldiges Bild eigentlich sei, wo doch das Kino spätestens seit Meliès die überwältigendste Lüge der Welt ist. Oder warum "In weiter Ferne, so nah" so pompös anfängt wie ein Nazischinken. Kurz vorher hatte Leni Riefenstahl gesagt: "War ja früher alles besser."

"Die Nacht der Regisseure", Edgar Reitz' Beitrag zu einer vom British Film Institute initiierten und von arte ausgestrahlten Reihe über die Filmgeschichte einzelner Länder (an der sich unter anderen Stephen Frears, Godard, Scorsese, Bertolucci und Oshima beteiligt haben), findet im Kinosaal statt, in einer fiktiven, virtuellen Kinemathek. Ein Raumschiff für die Heimatlosen. Mittels Digitaltechnik versammelt Reitz Autorenfilmer von Frank Beyer bis von Trotta, die sich allesamt wie Waiserkinder gebärden und einander (der Computer macht's möglich) beifällig zunicken. Reitz' Geschichtsstunde gilt ausschließlich der Frage: Was ist deutsch am deutschen Film?

Fritz Lang zum Beispiel und Murnau. Lange Schatten und große Augen. Oskar mit der Blechtrommel. Klirrende Fensterscheiben. Der deutsche Wald. Trümmerstädte. Ein bißchen Defa mit Manne Krug. Männer in Uniform und Ritterrüstungen. Bleierne, schwerfällige Zeit. Fassbinders verschwitztes Gesicht und Hanna Schygulla im Mini wirken fremder denn je.

Reitz' Befund: Der deutsche Autorenfilm nährt sich vom Trauma des Nationalsozialismus. Noch seine Erotik steht in der Tradition von Himmlers FKK-Kultur. Aber die trotzige Parole "Papas Kino ist tot" scheint längst der Sehnsucht nach eben diesen Vätern gewichen zu sein. Dabei kann man in den Filmausschnitten unentwegt sehen, daß Papas Kino gar nicht gestorben ist. Der Autorenfilm ist die Fortsetzung des Heimatfilms mit schlechtem Gewissen. Und manchmal klingen seine Erfinder wie Syberberg, der Hitler übelnahm, daß er den Deutschen die Sonnenuntergänge genommen hat.

Die aufschlußreichste Anekdote über deutsche Kontinuität erzählt Peter Schamoni. In "Schonzeit für Füchse" (1965) ließ er Willy Birgel, den Schwarm seiner Kindheit, einen Förster spielen, der den Jungen beibringt, wie man einen Fasan weidgerecht tötet: "Nicht den Hals umdrehen, das ist schlechter Stil." Der Tod ist ein Meister aus Deutschland - und sei es mit Gamsbart.