Die Stadt

Gut zwei Autostunden von Rom in Richtung Neapel liegt oberhalb der Via Appia etwa 300 Meter über dem Meer das mittelalterliche Maranola: ein paar farblich undefinierbare Häuserwürfel, die sich ineinander- und übereinandergeschachtelt bescheiden in die sie umgebende Landschaft einfügen. Sie scheinen eins zu sein mit dem grausilbrigen Grün der Vegetation und der hinter ihnen aufsteigenden Berge. Wer um dieses Kleinod weiß, das am Rande von Latium und schon im Mezzogiorno liegt, erkennt es von weitem an seinem Torre Principale, einem klobigen rechteckigen Gemäuer, und dem zuckerhutförmigen Campanile von S. Maria dei Martiri.

Vor dem Ort liegt, wie ein großer Balkon, die Piazza. Den ganzen Sommer lang herrscht über diese steinerne Bühne des lokalen gesellschaftlichen Lebens erbarmungslos die Sonne. Im spärlichen Schatten der Häuserfront, die den Platz vom historischen Zentrum trennt, sitzen meerzugewandt immer einige ältere Männer und Frauen, so als könnten sie sich nicht trennen von dem Blick auf das spiegelglatte Meer, auf die Bucht von Gaeta und - ganz fern - auf die Insel Ponza. Die große Uhr über dem Stadttor meint es gut mit den Alten. Schon seit langem hat sie aufgehört zu schlagen und zeigt seitdem dieselbe Stunde an.

Die wenigen Fremden, die hierherfinden, sind Durchreisende. Vergeblich suchen sie nach einem Hotel. Zwei Bars, die jeweils das äußere Ende der Piazza markieren, dazwischen ein Restaurant, das sind die einzigen Stätten der Gastlichkeit. Jedoch lohnt allein die Aussicht auf den Weg über die schmalgewundene Straße hier herauf.

Durch das Halbrund des Stadttors gelangt der Besucher von der Piazza in den eigentlichen Ort und in eine andere Welt. Alles Grelle und Laute ist ausgesperrt. Auch die eben noch allgewaltige Sonne dringt nur noch als indirekte Beleuchtung in die engen Straßenschluchten.

In diesem matten Licht erscheint die Stadt zunächst wie ein Gemälde, auf das die Jahre ihre Schleier gelegt haben. Auf den Stufen der steil ansteigenden Gassen sitzen plaudernd die Dorfbewohner vor ihren schmalen, dicht aneinandergeschmiegten, steinalten Häusern.

Das Fest