Die Einladung, die ausgewählte Bürger von La Ciotat im Spätsommer 1895 erhalten, lautet folgendermaßen: "Monsieur und Madame Antoine Lumière bitten Sie, Ihnen die Ehre zu erweisen, am Samstag, dem 21. September, des Abends gegen acht Uhr und dreißig, ihr Gast zu sein bei der Vorführung einiger Erfahrungen mit dem Kinematographen." Welch ein Ereignis! Erwartungsvoll steigen die Geladenen in ihre Kaleschen. Ihr Ziel, die Lumièresche Sommerresidenz, liegt etwas außerhalb des Hafenstädtchens, fern der engen Arbeitergassen hinter dem Quai des Belges mit seinen Bar-Tabacs, Bistros und Krämerläden, fern des lärmigen Werftgeländes, in dessen Becken Ozeanriesen ihres Stapellaufs harren, im eleganten Bäderbezirk am Golfe de Leques.

Bereits seit 1891 ist das Lyoner Industriellenpaar an diesem malerischen Küstenstreifen vor den Toren von La Ciotat regelmäßig während der Sommermonate zu Gast. In den ersten beiden Jahren logieren die acht Familienmitglieder noch etwas beengt in einer hübschen, zartgelben Villa fast unmittelbar am Strand. Im dritten Sommer indes können sie bereits Quartier nehmen in einer Vierzigzimmerresidenz, die im toskanischen Stil erbaut wurde. Vater Antoine hat sie einige hundert Meter landeinwärts auf einem großzügigen Grundstück zwischen Küste und Eisenbahnlinie erbauen lassen.

Es ist die 1859 eingeweihte Schienenverbindung zwischen Marseille und Toulon, der La Ciotat letztlich seinen Ruhm verdankt. Denn auf ihren Geleisen postierten Auguste und Louis Lumière im Sommer 1895 ihre neu entwickelte Kameraapparatur. Hier nahmen sie jene dramatische Zugfahrt auf, deren Anblick die Familienfreunde am Abend des 21. Dezember 1895 im Château du Clos des Plages ebenso in Aufruhr versetzt wie knapp zwei Monate später das erste öffentliche Publikum im Pariser "Grand Café". Wann immer es um die Anfänge des Kinos geht, heißt es noch heute in der ganzen Welt: "L'arrivée d'un train en la gare de La Ciotat."

Am Drehort des Schauerstückchens von kaum 57 dreißig Sekunden Dauer - eine Lokomotive rast scheinbar direkt auf den Betrachter zu und kommt erst außerhalb seines Blickfeldes zum Stehen - hat sich in den vergangenen hundert Jahren kaum etwas verändert. Das zweigeschossige Bahnhofsgebäude, rosiger Quader mit weißen Paspeln, empfängt den Reisenden noch genauso wie einst. Nur die kleine Marmorplatte an der Fassade stammt aus einer späteren Zeit. Darauf haben das Comité Lumière und das Fremdenverkehrsamt von La Ciotat in strengen Lettern die Erinnerung an das Wirken der Filmpioniere Auguste und Louis Lumière in ihrem Städtchen festgeschrieben.

Auch sonst sind die beiden Kinoväter in La Ciotat recht präsent. Eine Schule trägt ihren Namen, und die Lichtspielsäle in den einstigen Markthallen sind ebenfalls nach ihnen benannt: Ja, sie zeigen über dem Eingang sogar das Doppelbildnis der Brüder im Riesenformat. Außerdem prangt, seit der erste konservative Bürgermeister die Geschicke des traditionell linken Städtchens Ende der achtziger Jahre zu lenken begann, auf vielen offiziellen Publikationen unter der Wappensonne der doppelte Zusatz: "Ville des Lumières".

Nur mit den ehemaligen Wohnsitzen der Brüder in La Ciotat hat es seine Not, zumindest für den cinephilen Puristen. Zwar stehen beide Gebäude äußerlich noch nahezu unversehrt da; doch in dem einen werden inzwischen Badelatschen, Sonnencremes, Sandschaufeln und Snacks verkauft. Und das andere wurde in eine exklusive, private Wohnanlage umgewandelt, die Neugierige bereits am Tor mit dem schriftlichen Hinweis abweist: "Palais Lumière - propriété privée.

Nicht ganz so enttäuschend verläuft für den Flaneur in dem Hafenstädtchen der Besuch einer anderen Stätte, die ebenfalls eng verbunden ist mit den Kindertagen des Films. Die Rede ist vom Eden-Theater, einem 1889 errichteten Jugendstilsaal, zu dessen Füßen heute der Yachthafen und ein großflächiger Parkplatz liegen. Bereits seit 1899 fanden in dem mit prachtvollen Boiserien und rotem Samtgestühl ausgestatteten Konzert- und Theatergebäude regelmäßig Filmvorführungen statt. Das veranlaßte die Stadtväter von La Ciotat, das Eden zum "ältesten Lichtspielhaus der Welt" zu deklarieren.