Erstens, die Welt ist ein Dreckloch, zweitens, sie kann jederzeit gerettet werden. Und so kommt es, daß der Mensch einerseits den Schußwaffenbesitz in amerikanischen Schulen legalisiert, Plutonium transportiert, Panzer exportiert, andererseits aber, vergib uns unsere Schuld, nichts anderes als das Himmelreich auf Erden errichten möchte. Und um das alles auf einem einzigen Planeten hinzubekommen und Gott wegen dem bißchen Krieg und Schweinkram nicht allzusehr zu enragieren, gibt es, wie in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht anders zu erwarten, spezialisierte Hilfskräfte, Himmelsboten, Gottessöhne, Propheten, Stellvertreter, jede Menge heiliges Geflügel, welches das Jenseits besänftigen und die schwarzen Seelen der geschäftstüchtigen Familienväter und Familienmütter ein bisserl übertünchen soll.

Eine extraordinäre Einrichtung zu diesem Behufe war die alte chassidische Legende von den 36 Gerechten, den Lamed Waw. Unerkannt, hieß es im babylonischen Talmud, leben 36 gottgefällige Menschen unter uns Sündern. 36 Ausnahmemenschen, die sich in nichts von den anderen Menschen unterscheiden, oft selbst nichts von ihrer Berufung wissen und den Fortbestand der Menschheit garantieren. Hier sind einige von ihnen abgebildet. Sie entstammen einem hochempfehlenswerten Ausnahmebuch, das in einer Auflage von nur 800 Stück einige zeitgemäße Exemplare dieser liebenswerten Gattung in Wort und Bild präsentiert.

Den herkömmlichen Vorstellungen von Gottes auserwählten Schmerzensträgern entsprechen diese märchenhaften Monster jedoch kaum. In der Erde festverwurzelt, in einer Kiste stramm verschnürt, unter einer Pelerine wohlverborgen, in einer Kakaoschicht begraben, als Sack an einer Mauer hängend oder ans Bett gefesselt sind sie der Welt abhanden gekommen, hellsichtige Idioten. Der eine trägt seine Tante in der Rocktasche herum, der andere die gesamte Lebensausrüstung, dieser denkt die Gedanken der Bienen, jener wird in der Kinderstube von seinen kakadugroßen Eltern immerfort hin und her geworfen, alles instrumentiert von einem "goldigen Kichern, das immerzu aus ihren winzigen Mündern keckerte".

Selbstverständlich wollen sie die Erde retten. Aber auf ihre Weise. Der Bettlägerige streckt "jede weibliche Gutelauneperson", die sich seiner Lebensgruft nähert, mit einem Fausthieb nieder. Der Papierwarenhändler sperrt Kunden, die eine Schachtel Korrekturweiß erstehen wollen, auf Nimmerwiedersehen in ein fensterloses Hinterzimmer. Ferdinand Röckle, genannt der Gnadenautodidakt, verfährt so, daß er "denen, die eine elektrische Musik empfangen, welche die Harmonie der Welt stört mit ihrem Störgewinsel, in die Ohrschnecken hineinfährt mit doppelschneidigem Messer und es darum um und um wendet, bis diese Fraktanten des ewigen Lärms mit blutigen Ohren aus ihren Häusern rennen, um ihre Köpfe auf dem Asphalt entzweizuschlagen."

Wer die Menschheit nicht mordend bezwingt, um sie daran zu hindern, daß ihre Mißtöne unablässig in den Kosmos hinaufzwitschern, der redet oder musiziert gegen das Elend an. Ein Kompositeur hat für die taube Mitwelt eine Libellen-Komposition verfaßt. Ein Wortmissionar läßt 99 Papierfrüchte von 99 Papierfruchtausträgerinnen in der Welt verteilen. Ein Azteke kämpft mit Komma und Ausrufezeichen um das Gehör der tumben Menschheit. So rettet keiner die Welt.

Die 36 Gerechten von heute haben ihre Sache nicht mehr in der Hand. Charmant aggressiv und liebenswert verblödet retten sie nur noch ihre eigene wunderliche lädierte Papierhaut, eingepackt in einen bibliophilen Pappband, auf den es, ginge es auf der Welt gerecht zu, sämtliche Schön-Buch-Preise dieser Erde herabregnen müßte.

Sibylle Lewitscharoff: