Es kann nicht gut gehen, wenn Dohnanyi seinen Ärger über eine Hamburger Ausstellung in einem Artikel zum Gedenken an Dietrich Bonhoeffer loszuwerden versucht. Und wenn er aus jenem Anlaß pauschal "dieser jüngeren Generation" Selbstgerechtigkeit vorwirft, weil sie seinen Vorstellungen von vaterländischem Patriotismus nicht entspricht, so tut er selbst das, was er beklagt. Ausgerechnet Bonhoeffer wird dann für des Autors forcierten "deutschen Patriotismus" in Anspruch genommen. Für Bonhoeffer ist Deutschland der Ort, wo die "Brüder" (und Schwestern) von der Bekennenden Kirche sind. Es ist der Ort, wo diese eine schwere Zeit durchmacht. Deutschland ist auch der Ort seines hauptsächlichen bisherigen Wirkens. Deshalb gehört er dorthin, um der Zukunft der Kirche und der Menschen willen. Von dieser aber kann im Sinne Bonhoeffers nicht gesprochen werden, wenn nicht zugleich vom Eintreten für Recht und Gerechtigkeit gesprochen wird. Dohnanyi aber spannt Bonhoeffer für seinen nebulösen Patriotismus ein. Dazu kommt: Wohl war Bonhoeffer im militärischen Widerstand konspirativ tätig. Sein Pazifismus aber müßte doch wenigstens erwähnt werden, um anzudeuten, welch eigentümliches Bündnis da eingegangen wurde.

Dr. Edgar Thaidigsmann, Ravensburg

Es soll hier nicht die Frage untersucht werden, ob die jüngere deutsche Generation so selbstgerecht ist, wie der Autor behauptet. Ich glaube es nicht. Geschichte muß immer wieder neu hinterfragt werden. Mir geht es vor allem um den Satz in Dohnanyis Artikel, daß ohne patriotische Opferbereitschaft eine bessere Welt nicht gebaut werden könne, und das Zitat des Bischofs Bell, daß Bonhoeffers Tod ein Tod für Deutschland ist.

Immer mehr tauchen in den Artikeln, die sich mit dem deutschen Widerstand befassen, die Begriffe Vaterland, Ehre, Patriotismus auf. Besonders wenn die Toten des 20. Juli gemeint sind. Allen, die durch die Henker des "Dritten Reiches" auf grauenvolle Weise ihr Leben verloren, gehört unser tiefstes Mitgefühl. Aber allen. Auch denen, in deren Vokabular diese Begriffe niemals auftauchen. Zum Beispiel in den Briefen Cato Bontjes van Beeck, die am 5. August 1943 zusammen mit zwölf anderen Frauen, zum Teil ganz jungen Mädchen, wie Cato selbst eines war, hingerichtet wurden. Ihnen ging es nicht um das Vaterland, nur um den Menschen.

Eine bessere Welt können wir erst aufbauen, wenn wir endlich die Begriffe Vaterland, Ehre aus unserem Denken streichen. Gibt es überhaupt Begriffe in der deutschen Geschichte, die mehr korrumpiert worden sind als diese beiden? Die Attentäter des 20. Juli haben im Namen der Ehre des Vaterlandes gehandelt - im Namen genau dieser Ehre sind sie auch gehängt worden. Das Denken in den Begriffen Vaterland, Patriotismus, Ehre hat uns nicht nur nie weitergeholfen, es ist fast immer der Anlaß zu furchtbaren Kriegen, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen. Bonhoeffer ist nicht für Deutschland, er ist für die Freiheit aller Menschen gestorben. Wie alle anderen Opfer auch.

Jürgen Ulrich, Tönsberg (Norwegen)