Ein Prinz aus dem Verlies?

Hanno Kühnert: "Die Spur des Findlings", ZEIT Nr. 16

Der Autor hat ganz außer acht gelassen, daß Ferdinand Mehle in seinem Werk nicht einen einzigen neuen Beweis, kein neu gefundenes Dokument vorweisen kann, die die These von Kaspar Hauser als badischem Erbprinzen weiter untermauern. Mehle hat lediglich in einer Fleißarbeit alle Argumente und Beweisführungen zusammengefaßt, die teilweise schon seit Jahrzehnten bekannt sind. Daß er dabei der Einfachheit halber alle Probleme der Bewertungen der Beweise, alle Schwierigkeiten der Deutung mancher Dokumente beiseite schiebt, macht sein Buch keineswegs besser.

Dr. Michael Wilfert, Erkrath

Leider würdigt der Autor mit keiner Silbe Hausers naturwissenschaftliches Wunder: Über ein Jahrzehnt schmachtet der arme Kaspar bei einer ausschließlich aus Wasser und Brot bestehenden Hungerdiät auf einer Strohschütte mit gestreckten (!) Beinen unbeweglich fixiert in engstem Raum und absoluter Dunkelheit, bar jeden menschlichen Kontakts. Alle paar Tage wird er durch erhebliche Opiumdosen narkotisiert, damit man seine stets saubere Wäsche unbemerkt wechseln kann - und erscheint dann in Nürnberg ohne einen der vielen zu erwartenden Schäden. Das "Kind von Europa" hat weder Eiweiß- noch Vitaminmangelerscheinungen, keine Spur von Rachitis, Skorbut, Pellagra und so weiter, leidet weder an Gelenkkontrakturen noch Nervenläsionen. Trotz absoluten Bewegungsmangels schrumpft kein Muskel. Andere kriegen infolge des unbeweglichen Sitzens einen Dekubitus. Hauser nicht. Seine Verdauung funktioniert vorzüglich, ungeachtet der unausbleiblichen Darmlähmung infolge Opiumblockade. Wird er süchtig? Nein. Herz und Kreislauf machen keine Schwierigkeiten, sondern adaptieren sich sofort ohne orthostatische Probleme dem plötzlichen Wechsel von der Horizontalen in die Senkrechte inklusive der Anstrengungen ungewohnter Bewegungsabläufe. Er kriegt in Freiheit wider alle Erfahrung keine einzige Kinderkrankheit: hat also ein vorzügliches Immunsystem, obwohl es sich im Kerker gar nicht entwickeln konnte, da ihn dort keinerlei Infektionen heimsuchten. Sein Gebiß ist vorzüglich. Wo die Milchzähne blieben . . .? Nie beklagt er sich über den Mief in dem licht- und luftlosen Loch. Die Atmungsorgane zeigen keinerlei diesbezüglichen pathologischen Affektionen trotz jahrzehntelangen Aufenthalts im Stroh, wo es außerdem unter damaligen hygienischen Verhältnissen von Ungeziefer nur so gewimmelt haben muß. Deshalb wohl sind die Hauserianer noch nicht auf den Gedanken gekommen, die sterblichen Überreste des Findlings zu exhumieren, um seine pathologischen Befunde zu verifizieren.

Dr. Günter Hesse, Karlsruhe

Bei Kühnert kommt die Anklage, nicht aber die Verteidigung zu Wort. So erklärt er nicht, wie der Großherzogin unbemerkt ein fremdes Kind untergeschoben werden konnte, wie ein verwahrloster Junge von der bayerischen Regierung als Prinz präsentiert und als Druckmittel gegen Baden benutzt werden sollte und warum die "Prinzentheorie" eigentlich erst 18 Jahre nach Kaspar Hausers Geburt aufkam. Das Urteil, das Kühnert in seinem "Indizienprozeß" gegen das "Haus Baden" fällt, ist unzulänglich begründet. Es hätte vor keinem ordentlichen Gericht Bestand.

Dr. Michael Knoll, Würzburg

Ein Prinz aus dem Verlies?

Den Artikel habe ich mit größtem Interesse gelesen. Allerdings vermisse ich eine der wichtigsten Personen, nämlich den undurchsichtigen Lord Stanhope! Kühnert hätte ihn doch wohl mindestens erwähnen können!

Prof. Bernhard Kistler-Liebendörfer, Altensteig

Kühnert hat leider eine wichtige Hauser-Anmerkung vergessen, die hier nachgetragen werden soll: Einer der berühmtesten Philosophen der Neuzeit, nämlich Arthur Schopenhauer (1788-1860), der von der Denker-Gilde jahrzehntelang ignoriert und sekretiert wurde, hat sich mit Vorliebe mit Kaspar Hauser verglichen. Wir zitieren: "Ich bin der Kaspar Hauser der Philosophieprofessoren: sie haben mich von Luft und Licht abgesperrt; - damit meine angeborenen Ansprüche nicht zur Geltung kämen."

Kurt Asendorf, Thedinghausen