Björn Engholm? Unnachahmbar", hat er früher gedacht. Das war 1988, als Burghart Klaußner - das erste Mal - für eine Theaterlesung über die Barschel-Affäre jenen Politiker spielen sollte, den er bis dato kaum beachtet hatte. Den er als "verborgenen Menschen" empfand, "ohne Schlüssellöcher, in die ich meinen Nachschlüssel stecken kann". Was also tun? Klaußner entschied sich für den Gang über die Dörfer: nach Geesthacht, nach Wedel, in Wirtshäuser und Mehrzweckhallen. Dort studierte er den schleswig-holsteinischen SPD-Ministerpräsidenten beim Wahlkampf, filmte ihn auf Video, beobachtete.

Das Resultat dieser Mühen konnte er 1989 in Heinrich Breloers Fernsehfilm "Die Staatskanzlei" zeigen. Breloer hatte darin versucht - in der von ihm meisterlich beherrschten Mischform aus Interviews, Dokumentar- und Spielszenen -, die Kieler Ereignisse nachzuzeichnen, an deren Ende Barschels rätselhafter Tod stand. Für die Rolle des Engholm hatte Breloer den Schauspieler Burghart Klaußner verpflichtet; täuschend echt nicht nur durch die Maske, sondern wegen jener subtilen Gesten, die er sich einverleibt hatte. Das Zucken in den Mundwinkeln, das Schräglegen des Kopfes, das Kneten der Tabakpfeife, das stoßweise Sprechen im norddeutschen Ton. "Wenn Engholm ,er tut` sagen will, hört sich das an wie ,er tutttt`. In dieser Betonung liegt für mich ein ganzer Charakter", verriet Klaußner damals.

Dieser Charakter liegt ihm bis heute - wovon sich die Zuschauer jetzt überzeugen können: Am 3. Mai, zwei Jahre nach Engholms Rücktritt als SPD-Kanzlerkandidat, zeigt die ARD um 20.30 Uhr Heinrich Breloers neuestes Werk "Einmal Macht und zurück - Engholms Fall". Die notwendige Fortsetzung der "Staatskanzlei", so Regisseur Breloer; weil sich heute vieles anders darbiete als vor sechs Jahren. Da sei Barschel Schuft, Engholm Opfer gewesen. Doch dann war der Barschel-Affäre die Schubladen-Affäre gefolgt. Und die Erkenntnis: Engholm hatte früher von den "Barscheleien" gewußt, als er zugegeben hatte. Eine banale Lüge, die ihn die Karriere kostete.

Spielt Burghart Klaußner diesen Mann jetzt anders? "Natürlich habe ich schwer Abschied nehmen können von der strahlenden Opferfigur", erzählt er, auf dem Sofa sitzend. "Aber was ist schon sicher in dieser Welt? Da geht die DDR zugrunde, und dort geht Engholm seinen Weg." Er lacht, dann wird er wieder ernst: "Solange der Tod von Barschel nicht geklärt ist, wird jeder der Beteiligten nur vorläufig zu beschreiben sein. Der Film ist ein Vorschlag zu einem Vorgang der Zeitgeschichte, der noch andauert." Die These, daß die SPD selbst den Motor des Skandals, Reiner Pfeiffer, eingesetzt habe und Barschel nichts wußte, hält er für absurd: "Das kann ich mir im Dod nich' vorstell'n."

Der letzte Satz kommt im Engholm-Duktus über die Lippen; ein Kokettieren mit der vertraut gewordenen Rolle. Rein äußerlich - in Jeans und Pullover, mit runder Brille und Alltagsfrisur - hat der 45jährige keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Politiker. Vor allem aber setzt er, anders als der sich stets kontrollierende Engholm, beim Reden seinen drahtigen Körper ein. Arme, Beine, Oberkörper, Gesicht. Alles scheint in Unruhe, von Energie erfüllt.

Burghart Klaußner, in Berlin geboren, hat immer die Schauspielbühne favorisiert. Den "vitalen künstlerischen Prozeß im Zusammenspiel mit Kollegen" würde er niemals aufgeben für das einsame Spiel vor der Kamera. "Zumal es kaum vernünftige Angebote gibt": Er habe schon "unglaublich viel abgelehnt; so viel, daß ich mich gefragt habe, ob ich für den Beruf geeignet bin". Die "Entwicklung des ,anything goes`" wollte er nicht mittragen. "Man muß doch fragen: Was ist wichtig? Wo bewegen wir uns gemeinsam hin?"

Ein Anspruch, den das Fernsehen verloren habe. "Das kann man", meinte er entschieden, "an den höchst seltenen Glücksfällen ablesen." Breloer, der politisch motivierte Künstler, sei so ein Glücksfall. Auch Hermine Huntgeburth, in deren leichthändiger Komödie "Ein falscher Schritt", die das ZDF am Ostersamstag zeigte, Klaußner einen säuerlich-pedantischen Vorgesetzten gab. Der gelang ihm so glaubhaft wie 1992 die Rolle des prügelnden jähzornigen Vaters in Wolfgang Beckers "Kinderspielen". In dem zwischen Tragik und Komik balancierenden Familiendrama aus den sechziger Jahren verlieh Klaußner dem Maurerpolier eine beklemmend überzeugende, weil brüchige Aura: die eines Mannes, der nie gelernt hat, über Gefühle zu sprechen, und der deshalb zur Gewalt greift.