WEILER AM SEE. - Noch hat Christo mit seinem Opus magnum nicht begonnen - den Reichstag in Berlin einzuwickeln -, da findet seine Idee fernab in der Provinz schon ihre ersten Nachahmer. Die Schraubenfabrik im schwäbischen Künzelsau durfte der Meister noch persönlich in weichfließende Beige- und Weißtöne kleiden. In Weiler am See dagegen, einem winzigen Dorf in Westmittelfranken, nahmen die Christo-Adepten die Sache gleich selbst in die Hand. 17 000 Quadratmeter Kunststoff ließen sie kommen, um darunter ihre Häuser, Ställe und Scheunen, ganz Weiler am See eben, verschwinden zu lassen. Und siehe da, auch hier wirkte der Christo-Effekt (man sieht nur, was man nicht sieht): Kaum war der Ort unter dem blaßblauen Verpackungsmaterial verschwunden, war er zum ersten Mal so richtig da.

Mehr noch: Weiler am See, das Nest, das so mancher schon im benachbarten Feuchtwangen nicht mehr kennt, setzte an zu einer traumhaften Medienkarriere. Kleinflugzeuge mit hochempfindlichen Spezialkameras kreiseln über den drei Bauernhöfen, die wie unter einem blauschimmernden Haarnetz ihnen lagen; Aufnahmeteams von Sat.1, ZDF, BR und diversen freien Anbietern tauchten auf den Äckern und Wiesen rund um das Verpackungsobjekt auf und drehten bewegende Bilder vom Bauernsterben im westlichen Mittelfranken - quasi über Nacht war Weiler am See zum Synonym geworden für die Bedrohung eines ganzen Berufsstandes.

Das Aktionsbündnis (Bauern, Jäger, Naturschützer, kleine Gewerbetreibende bis hin zum DGB) hatte es freilich mit dem Verpackungshappening unter dem griffigen Motto "Ein Dorf packt ein" auch nicht bewenden lassen. Um ihre Situation möglichst martialisch ins Bild zu setzen, hatten die Bauern einen siebzig Tonnen schweren Autokran geordert und damit einen ihrer Traktoren hoch in die Lüfte gehievt. Geschmückt mit einigen toten Hasen und Rebhühnern schaukelte das schwere Ding genau über dem Dachfirst eines der Wohnhäuser in Weiler - ein schaurig-schönes Bild, das seine Wirkung auf die zahlreichen Besucher nicht verfehlte. Daß damit freilich das "Damoklesschwert" symbolisiert werden sollte, das über der Landwirtschaft schwebt, erschloß sich erst nach längerem Nachdenken. Hatte man als naiver Stadtbewohner doch immer vermutet, der Traktor sei ein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug, das dem Bauern viel schwere Arbeit abnimmt.

Ausgedacht hatte sich das "blaue Wunder" von Weiler am See, wie eine regionale Tageszeitung anerkennend schrieb, Heinrich Sindel, ein Gastwirt aus Feuchtwangen. Er ist davon überzeugt, daß viele fränkische Dörfer eigentlich nur noch Potemkinsche Dörfer sind, "weil die Bauern längst in die Fabrik gehen müssen und im Stall schon lange kein Vieh mehr steht". Jeden Tag würden allein in Mittelfranken zwei Höfe dichtgemacht. Auch in Weiler habe es schon zwei erwischt, die verpackten zwölf Gebäude seien der Rest.

Schuld aber seien vor allem die Lebensmittelmultis und Supermarktketten, die die regionalen Anbieter vom Markt verdrängen und mit ihren Dumpingpreisen zum Beispiel auch dafür sorgen, daß die einheimischen Bauern ihre Braugerste nicht mehr loswerden. Deshalb schlägt Heinrich Sindel, der ein bißchen wie eine zeitgemäße Ausgabe von Thomas Münzer aussieht, vor, die regionalen Wirtschaftskreisläufe wieder zu stärken. So soll etwa beim Bier ein eigenes Logo auf die fränkische Herkunft aufmerksam machen. Ähnliches soll es bei Brot und Wild geben. Damit soll auch dem "Transport-Wahnsinn", wie es ein Bauer nennt, Einhalt geboten werden.

Bis es soweit ist, will man in Weiler mit weiteren Aktionen für Aufmerksamkeit sorgen. So soll eine Reihe mit "ländlicher Nachtmusik", sinnigerweise an aufgegebenen Bauernhöfen vorgetragen, die Erinnerung an ehemalige Mitstreiter wachhalten; eine "Nacht der Feuer" ist geplant, und irgendwann wollen die Weiler Bauern den Marktplatz in Feuchtwangen "einsäen" - als Zeichen, daß dort bald keine Marktleute mehr stehen werden.

Am Schicksal von Weiler am See wird das nichts ändern. Es wird sterben eines Tages. Ganz still und unbemerkt von Journalisten und Fernsehkameras.