Schule", "Elternhaus", "Friedhof": Würden die Schüler von Wroclaw die deutsche Sprache anhand der Gesprächsfetzen lernen, die sie auf dem Salzmarkt am Rathaus oder im Biergarten vom "Spiz" täglich aufschnappen - die Hitliste der bedeutendsten deutschen Wörter bekäme eine merkwürdige Gewichtung. Das Lautgebilde "meinaltes" gehörte auf jeden Fall in den obersten Rang, genauso wie "damalswar" oder "unserehemaliges". Im Stadtbild der viertgrößten polnischen Stadt sind diese deutschen Klänge kaum zu überhören.

Auch an die kleinen Grüppchen von etwas verloren wirkenden älteren Herrschaften mit diebstahlsicher geschulterter Umhängetasche und gesundem Schuhwerk hat man sich längst gewöhnt. Unvermutet lange bleiben sie oft vor einer völlig unscheinbaren Fassade stehen. Der Name Wroclaw kommt ihnen nur schwer über die Lippen - und das nicht nur, weil er für Ungeübte ein Zungenbrecher ist. "Breslau" klingt da gewohnter, und irgendwann ertappt man sich selbst bei der Nennung dieses Namens, der doch so rasch als politischer Affront aufgefaßt werden kann, aber ohne den die Stadt die markantesten Teile ihres Gesichts ablegen würde.

Für die Besucher lebt Wroclaw von seiner Vergangenheit: von der glanzvollen Ära als wohlhabende Hauptstadt Schlesiens, als wichtiger Ost-West-Handelsknotenpunkt und als Schauplatz bedeutsamer historischer Entscheidungen.

Vor allem aber konfrontiert es mit der leidvollen Geschichte, die Hitler und seine nationalsozialistische Gefolgschaft zu verantworten hatten. Jeder Stadtrundgang führt unweigerlich zu diesen Spuren: Da sind noch die Baulücken, die von der Zerstörung zeugen, die Einschußlöcher an den Fassaden, die seltsam pockennarbig neben modernen Satellitenantennen klaffen, die schlichten Nachkriegsbauten, die wie ausgesetzte Schmuddelkinder inmitten von herrschaftlichen alten Prunkbauten stehen.

Anderes ist fast völlig ausgewischt. Erst auf den zweiten Blick werden die steinernen Zeugen des reichen jüdischen Lebens im damaligen Breslau wieder kenntlich, einige lassen sich nur noch ahnen: die beiden Synagogen und die über achtzig Bethäuser der Stadt, die prunkvollen Kaufhäuser und Restaurants, die allen ein Begriff waren in Breslau und dennoch gespenstisch lautlos "arisiert" werden konnten. Die Nazis haben dieses jüdische Leben vertrieben und vernichtet, das kommunistische und auch das katholische Polen hatten wenig Möglichkeiten, aber auch wenig Interesse, es wieder zu wecken.

Von Hitler zur Festung erklärt, wurde Breslau im April 1945 zu achtzig Prozent zerstört. Was Bomben und Geschosse nicht in Schutt und Asche legten, verrottete danach häufig im Laufe des realsozialistischen Gangs: langsamer Verfall der Bausubstanz durch Nichterhalt. "Meine Damen und Herren", erklärt heute die Wroclawer Stadtführerin mit größter Selbstverständlichkeit, "wir kommen jetzt durch ein Stadtviertel, das vom Krieg nicht zerstört wurde. Deshalb sieht es auch so heruntergekommen aus." Logik paradox, aber wahr.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert nach der Verwüstung Breslaus, ist zumindest das Zentrum der Stadt wieder ein wahres Freilichtmuseum - voll mit architektonischen und historischen Kostbarkeiten und pulsierendem Leben: Der Dom auf der Oderinsel, von dem nach dem Krieg nur noch die Eckmauern zu sehen waren, ist mit enormem Aufwand wieder aufgebaut, der Bahnhof, die Universität, die alte Apotheke am Markt sind kunstvoll restauriert worden, und der Ring, das Herzstück der Stadt rund um das historis che Rathaus, sieht mit seinen altehrwürdigen Wohn- und Geschäftshäusern aus, als wäre er nie versehrt gewesen.