Heinrich Breloer ist ein fähiger Filmemacher. Er hat vielbeachtete Arbeiten über Herbert Wehner, über den Co-op-Skandal und die Barschel- Affäre vorgelegt. Mit seinem neuesten Projekt, das diese Woche ausgestrahlt wurde, ist er gescheitert: "Einmal Macht und zurück - Engholms Fall".

Dem Fernsehzuschauer bot sich ein Bild der Verwirrung. Unzählige Figuren standen irgendwie miteinander in Beziehung. Die Interviewpartner berichteten von sonderbaren Einzelheiten, und noch bevor man deren Bedeutung verstanden hatte, stellte sie der nächste Interviewpartner schon wieder in Abrede. Am Ende des Kuddelmuddels räumte der Autor auch noch ein, daß er wahrscheinlich nur "die Puppe in der Puppe" gefunden habe.

Dabei hatte Breloer gründlich recherchiert. Zwei Jahre arbeitete er an seinem Film, achtzig Stunden Interviews und Fernsehmaterial wertete er aus. Woran lag es also?

Breloer hat Bekanntschaft mit einem Phänomen gemacht, unter dem alle leiden, die sich mit der Kieler Affäre befassen: der Grenze journalistischer Vermittelbarkeit.

Wohl kein anderes politisches Ereignis ist derart präzise ausgeleuchtet worden: von Staatsanwaltschaften, Anwälten, Richtern, von zwei Untersuchungsausschüssen. Tausende und Abertausende Seiten füllen allein die Primärmaterialien: Zeugenaussagen, Notizen, Urkunden. Hinzu kommen zahlreiche Bücher und zahllose Presserecherchen. Und doch hat sich das Bild im Laufe der Jahre nicht erhellt, sondern getrübt. Je mehr man erfahren konnte, desto verfahrener wirkten die Geschehnisse. Je mehr man wußte, desto weniger verstand man.

Heute sind nicht einmal mehr die Koordinaten im Kieler Netz positioniert: Ob Barschel bekannt war, was in seiner Staatskanzlei für Machenschaften angezettelt wurden, ist mittlerweile ebenso offen wie die Frage, für wie lange Engholm und die Kieler SPD-Spitze ihr Wissen für sich behielten oder warum und aus welchen Kreisen Geld an Reiner Pfeiffer geflossen ist - wenn es denn geflossen ist.

Die überbordende Materialfülle und das unüberschaubare Gestrüpp von Lügen zwingen die Journalisten in zwei Lager: Im einen sitzen die vielen, die wenig wissen und eher an der Oberfläche kratzen, im anderen die wenigen, die viel wissen und deshalb Mühe haben, den Stoff noch verständlich aufzubereiten. Im Untersuchungsausschuß schätzt man die Zahl der Journalisten, die die Fakten noch überblicken, auf weniger als ein Dutzend. Darunter sind exzellente Schreiber, und doch erinnern ihre Artikel zuweilen an Forschungsberichte aus der Quantenphysik. Breloer ist in guter Gesellschaft.