Plötzlich laufen Recherchen Gefahr, nicht nur Politiker, sondern auch Medien in Mißkredit zu bringen. Welche Zeitung, welcher Sender folgten in den Jahren 1987/88 nicht den Meinungsführern von Spiegel & Co? Kommentare, die Zweifel an Barschels Verkommenheit oder Engholms Martyrium wagten, blieben die Ausnahme. Jetzt, wo sich eine vorsichtige Revision der Urteile von gestern anbahnt, schlägt sie auf die Medien zurück.

Am krassesten macht sich dies beim Spiegel bemerkbar, der wie kein zweites Medium mit dem Fall Barschel verbunden ist. Die Enthüllung von "Waterkantgate" zählt zu den großen Erfolgen, die den Mythos des Magazins nähren. Bis heute hält der Spiegel starr an der Version seines Kronzeugen Pfeiffer fest, obwohl sich dessen Aussagen als in weiten Strecken unsinnig herausgestellt haben. Gelähmt schauen die Redakteure von Deutschlands tüchtigstem Recherchemagazin dabei zu, wie die unbelasteten Kollegen vom Focus und sogar von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung alte Wahrheiten auseinandernehmen.

Vor allem zwischen der - nicht gerade auf Investigatives spezialisierten - FAZ und dem Spiegel spielt sich zur Zeit ein aberwitziges Duell ab. Es geht um die Hegemonie über die Barschel-Interpretation. Und ausgerechnet der Spiegel, der nicht nur vom journalistischen Selbstverständnis, sondern auch vom Kenntnisstand her einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil besitzt, macht die schlechtere Figur.

Eigentlich war FAZ-Redakteur Volker Zastrow, dem seine Zeitung einen Anwalt an die Seite stellte, nach Kiel ausgezogen, um die SPD an den Pranger zu recherchieren. Als er aber erkennen mußte, daß den Sozialdemokraten nicht mehr (aber auch nicht weniger) nachzuweisen war, als daß sie die Attacken aus der Staatskanzlei für ihren Wahlkampf ausnutzten, konzentrierte er sich auf das Verhältnis Barschel-Pfeiffer. Im Februar dieses Jahres breitete er - auf einer Doppelseite im Politischen Teil - seine Ergebnisse aus: Nicht Barschel gab den Auftrag für die Wahlkampfattacken - Pfeiffer selbst inszenierte "Barschels Fall", gemeinsam mit dem gerichtsnotorischen Hochstapler Gert Postel.

In Hamburg wurde diese amüsant geschriebene, gut recherchierte, gleichwohl schwer belegbare Politposse nicht als Herausforderung, sondern als Frontalangriff verstanden. Entsprechend ging man nicht mit journalistischer Neugier den neuen Spuren nach, sondern griff sich den - in der Tat wenig vertrauenswürdigen - Hauptzeugen der FAZ und demontierte ihn nach Kräften. Wohlfeiles Resümee des Spiegel: nichts Neues im Fall Barschel.

Weil der Spiegel nichts mehr fürchtet, als Pfeiffer aufgesessen zu sein, hat das Magazin ein geradezu anwaltschaftliches Verhältnis zu seinem Informanten aufgebaut. Schon im Skandaljahr 1987 bezahlte er Pfeiffer - neben einem sechsstelligen Honorar - einen Rechtsbeistand, der die abenteuerliche Geschichte vor den (mäßig kritischen) Fragen des ersten Untersuchungsausschusses schützen sollte. Fürsorglich zeigte sich der Spiegel auch, als Pfeiffer im Januar dieses Jahres noch einmal vor den Untersuchungsausschuß geladen wurde. Noch bevor die Abgeordneten Pfeiffer nach dessen Widersprüchen befragen konnten, tat es der Spiegel in Form eines Interviews - und bereitete ihn so auf die Vernehmung vor.

Daß der Spiegel in Gefahr gerät, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren, erkannte der neue Chefredakteur Stefan Aust. Der frühere Leiter von "Spiegel TV", das sich eine kritische Rezeption des Barschel- Komplexes leistete, versucht nun offenbar einen vorsichtigen Kursschwenk. In der Osternummer des Magazins erhielt erstmals ein Kritiker der Spiegel/Pfeiffer-Version breiten Raum. Auf sechs Seiten interviewte Spiegel-Redakteur Norbert Pötzl den stellvertretenden Vorsitzenden des Schubladen-Untersuchungsausschusses, Bernd Buchholz, ohne Anlaß, einfach so.