Idylle und Grauen - kaum irgendwo waren sie so eng miteinander verknüpft wie in Landsberg am Lech, der kleinen Stadt in Bayern. Kein Ort wie jeder andere: Hier schrieb Hitler in den Jahren seiner Festungshaft 1923/24 sein Programmbuch "Mein Kampf". Hierhin, in die "Stadt der Jugend", pilgerten in den dreißiger Jahren Heerscharen von Hitlerjungen. Seit Sommer 1944 entstanden in der unmittelbaren Umgebung der Stadt elf Außenlager des KZ Dachau; auf den riesigen Baustellen für unterirdische Rüstungsfabriken mußten sich Tausende von Häftlingen zu Tode schuften.

Nach Kriegsende richteten die Amerikaner in der Landsberger Saarburg- Kaserne ein Camp für die Überlebenden der Konzentrationslager ein. In unmittelbarer Nähe der Opfer saßen die Täter: Seit Dezember 1946 war die Festungshaftanstalt Landsberg War Criminal Prison No 1 der amerikanischen Besatzungszone. 1600 Kriegsverbrecher waren dort inhaftiert; 250 Todesurteile wurden bis 1951 vollstreckt.

In den fünfziger Jahren kehrte allmählich wieder Normalität in die Garnisonsstadt ein. Das Displaced Persons Camp wurde aufgelöst; das Kriegsverbrechergefängnis zu einer Justizvollzugsanstalt umgewandelt. Wo einst Häftlingsbaracken standen, wächst heute Gras.

Damit nicht auch Gras wächst über die braune Vergangenheit dieser deutschen Kleinstadt, haben die Herausgeber dieses Bandes Photos aus Archiven und Familienalben zusammengetragen und sie kombiniert zu einer Bilderchronik, welche die Schnittstellen zwischen kleiner und großer Geschichte, zwischen Alltag und Verbrechen sichtbar macht. Ergänzt wird die gelungene Dokumentation durch eine Auswahl von Briefen, die der Leiter des Landsberger DP Camp, Irving Heymont, 1945 an seine Frau in den USA schrieb, und um ein Geleitwort des im Camp geborenen amerikanischen Historikers Abraham J. Peck.

Martin Paulus/Edith Raim/Gerhard Zelger (Hrsg.): Ein Ort wie jeder andere

Bilder aus einer deutschen Kleinstadt 1923-1958; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1995; 224 S., 29,90 DM