Vor rund einem Jahr wäre Sir Harrison Birtwistle beinahe einem der schönsten Opernskandale zum Opfer gefallen, den Covent Garden je erlebt hat. Das kam so: Per Anzeige im Spectator meldete sich eine Art Selbsthilfeclub wider die abscheuliche moderne Musik ("The Hecklers") und kündigte ein Buhkonzert für die nächste Vorstellung von Birtwistles großer Oper "Gawain" an. Daraus wurde aber nichts. Die Buhrufe gingen unter in den Bravorufen der Birtwistle-Fans, und der Abend geriet zu einem tremendous success.

Das sieht ganz so aus, als stehe es bestens um die Sache der Musik! Wenn sogar im erzkonservativen Royal Opera House so komplizierte Neue Musik wie die Birtwistles akzeptiert, etabliert und keinen Skandal mehr wert ist, was kann schöner sein? Schlimmer sein? Birtwistle aber, der spröde, stille Einzelgänger, ließ sich zu der trefflichen Diagnose hinreißen: Das Musikleben heutzutage sei einerseits aufgeweicht von "designer-music" (Nyman & Co), zehre andererseits nur noch vom Recycling der Vergangenheit. Um die Sache der Musik steht es in Wahrheit also schlecht.

Am vergangenen Dienstag nun wurde Sir Harrison Birtwistle, Ritter der britischen Krone und französischer Chevalier des Arts et des Lettres, im Münchner Prinzregententheater mit dem Musikpreis der deutschen Ernst-von-Siemens-Stiftung ausgezeichnet. Birtwistle ist der wichtigste britische Komponist seit Britten. Der Siemens-Musikpreis ist mit 250 000 Mark dotiert und einer der größten internationalen Musikpreise überhaupt, er wurde vor zweiundzwanzig Jahren erstmals verliehen an Benjamin Britten, und die Liste der Preisträger von Britten bis Birtwistle liest sich wie ein Who's who? der europäischen Musikelite: Abbado, Henze und Yehudi Menuhin sind darunter, Boulez, Karajan, Ligeti und Dietrich Fischer-Dieskau. Teils sitzen die einst Ausgezeichneten schon wieder in der Jury und wählen die demnächst Auszuzeichnenden.

Ein Elitepreis also? Scheißt der Teufel hier nur wieder auf den berühmt großen Haufen? Ja, gewiß, aber das muß er auch, denn Preis kommt von Lobpreisen und echtes Lob erst nach der Leistung. Der Begriff Elite aber kommt von lateinisch eligere (auswählen) - und die zweiundzwanzig Erwählten, Gepriesenen, die den "Nobelpreis der Musik" bislang errungen haben, haben ausnahmslos, jeder auf seine Art, zwischen stürmischem Experiment, eiserner Perfektion und stillem Tüfteln, den musikalischen Fortschritt im zwanzigsten Jahrhundert forciert. Dieser Preis ist ein Preispreis.

Daneben gibt es jährlich, etwas höher dotiert (300 000 Mark) und weit weniger spektakulär, natürlich noch die Förderpreise der Ernst-von-Siemens-Stiftung. In diesem Jahr gehen sie, unter anderem, an das Klangforum Wien und an die Mailänder Musikwissenschaftlerin Lidia Bramani, die eine Biographie schreibt über den Komponisten György Kurtág, außerdem an das Kloster Roßleben zur Restaurierung der historischen Orgel und an ein kleines Festival für den tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu. Es findet in Prag aus Anlaß des 105. Geburstages Martinus statt - der 100. konnte mangels Geld und der politischen Lage halber nicht gefeiert werden.