Als der Krieg zu Ende ging, hatte ich nur einen einzigen Wunsch: schlafen. Aber dann schien am Dienstag, dem 8. Mai, die Sonne heiß von einem strahlend blauen Himmel, ich packte Dauerwurst, Kommißbrot und eine Dose Scho-Ka-Kola in den Brotbeutel und brach mit zwei Kameraden zu einer Bergtour auf den Großen Daumen auf.

Ich war noch nicht ganz fünfzehn, ein Pimpf, der wenige Wochen vorher noch den dreieckigen Aufnäher "AHS Heiligendamm" am Ärmel des Braunhemds getragen hatte, Schüler der Adolf-Hitler-Schule 9 in Sonthofen, dem Range nach Kameradschaftsführer. Im April hatte man mich mit zwei Gleichaltrigen nach Berlin beordert, um dort die Pläne für den "Werwolf" zu holen, doch vor Eger mußten wir umkehren. Dann mußten wir uns bei der SS-Kampfschule Wasserburg am Inn melden, von dort ging es in einer Volkssturm-Einheit zur Verteidigung von Ulm. Schließlich hatten wir uns in einer Almhütte des Retterschwanger Tals am Fuße des Daumens als Kinderlandverschickungslager eingerichtet.

Als wir abends von der Bergtour zurückkamen, war die Almhütte leer. Die Franzosen hatten während des Tages alle abgeholt; viele, so erfuhren wir später, kamen nach Lothringen ins Bergwerk. Wir blieben noch ein paar Tage im Tal. Dann trennten wir uns. Ich schlug mich nach Sonthofen durch, fand Unterschlupf bei Bekannten und Beschäftigung als Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei. Dort arbeitete ich, bis mich das Heimweh packte.

Ich eignete mir ein herrenloses Fahrrad an und ließ mir auf der französischen Ortskommandantur einen Passierschein nach Schwäbisch Gmünd ausstellen. Er trug den Vermerk: a pied, avec sa bicyclette - zu Fuß, mit seinem Fahrrad. Solange ich mich in der französischen Zone befand, mußte ich mein Fahrrad schieben.

Bei Kempten begann die amerikanische Zone. Dort durfte ich endlich aufsteigen. Dort auch sah ich an der Grenze zwischen den Besatzungszonen die ersten riesigen Bildtafeln mit den niederdrückenden Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern. Sie gaben meinem Denken, meinem Leben eine andere Richtung.

Es war mittlerweile Ende Juli. Inzwischen war ich fünfzehn geworden. Ich radelte das Illertal abwärts. Memmingen, Neu-Ulm, Ulm. Die Schwäbische Alb. Der Hohenstaufen. Die Straße führte an einem Lager vorbei, wo mehrere tausend russische Exkriegsgefangene untergebracht waren. Ich wußte nicht, daß vier Wochen zuvor in einem Wald nahebei ein Junge erschlagen worden war, dessen Beschreibung haargenau auf mich paßte. Als ich schließlich zu Hause die Gartentür aufstieß, sah mich meine sechsjährige Schwester entgeistert an. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rief ins Haus: "Mutti, der Theo ist gar nicht tot!"

Ich war fünfzehn Jahre jung und müde wie ein alter Krieger. Frieden hieß damals für mich nicht Niederlage, nicht Befreiung. Es hieß vor allem: in Ruhe ausschlafen.