Niederländer gehören zu einem eigenartigen, im Ausland so gut wie unbekannten Stamm. Das wird einem bewußt, wenn man versucht, die Bedeutung und Größe des Schriftstellers Willem Frederik Hermans zu erklären, der in der vergangenen Woche im Alter von 73 Jahren gestorben ist. Die niederländische Literatur des 20. Jahrhunderts wäre ohne ihn undenkbar. Im Ausland ist er jedoch, völlig zu Unrecht, mehr oder weniger unbekannt geblieben, ein Umstand, zu dem er selbst durch die Geradlinigkeit seines Charakters beigetragen hat. So weigerte er sich vor einigen Jahren, zwei seiner Bücher in Frankreich erscheinen zu lassen, weil die Übersetzung nicht zum vertraglich vereinbarten Termin fertig war.

Er wuchs auf im Krieg. Und Krieg und Besatzung dominieren einige seiner größten Romane. In seiner protokollgenauen Prosa beschrieb er nicht die heroischen Aspekte jener Zeit, sondern das alltägliche Gewurschtel, das sinnlose Tun der Menschen in einem, wie er es nannte, "sadistischen Universum". Er beschrieb die scheinbare Ordnung der Zivilisation als ein einziges Chaos: Verwechslungskomödien, surreale Intrigen und immer wieder hilflose Menschen als Opfer von Willkür und Zufall. Nirgendwo die Aussicht auf eine Katharsis. Das war die Quintessenz seines Werkes. In den Niederlanden der Nachkriegszeit war das ein Schock, der bis heute nachwirkt. Genausowenig wie an die Heroik des Widerstandes glaubte er an den Sinn der kolonialen "politionele acties" (der niederländischen Militäreinsätze in Indonesien). Darüber schrieb er einen für jene Zeit blasphemischen Roman mit dem Titel "Ik heb altijd gelijk" ("Ich habe immer recht"), ein Satz, der wie ein Epitheton ornans den Rest seiner Schriftstellerkarriere begleitete.

Hermans war wie sein berühmtes Vorbild Multatuli ein großer Polemiker; wer seinen Groll oder seinen Zorn hervorrief, wurde in Kolumnen, Schmähschriften, Pamphleten und manchmal sogar in umfangreichen Romanen - heiter oder verbissen - verfolgt. So rächte er sich beispielsweise an der Universität Groningen, die er 1973 wegen verschiedener Intrigen als Hochschullehrer der Geologie verlassen hatte. "Onder Professoren" ("Unter Professoren") ist auch in deutscher Übersetzung erschienen. Hier konnte das Buch natürlich nicht die Rolle eines Schlüsselromans spielen, wie ihm das im niederländischen universitären Kontext von Rache und Schadenfreude gelang. Manchmal schien es, als würde Hermans seine Feinde hätscheln wie Freunde, denn auch nach seiner Selbstverbannung nach Paris blieb er allem, was sich in den Niederlanden ereignete, dicht auf den Fersen. Nichts und niemand entging seiner Aufmerksamkeit, seinem Argwohn, seiner Feder.

Sein Abschied von der Universität, eine Beleidigungsklage des katholischen Teils der Bevölkerung, eine Auseinandersetzung mit der Stadt Amsterdam, die kritisierte, daß er Südafrika einen Besuch abgestattet hatte (Hermans war erst wieder bereit, diese Stadt zu betreten, nachdem der Bürgermeister sich bei ihm entschuldigt hatte), Seitenhiebe und Sticheleien gegen andere Autoren, die konsequente Ablehnung von Ehrungen - all das trug zu seiner hartnäckigen Anwesenheit bei: auch in Paris war er in de n Niederlanden. Seine Gegner nannte er Mandarine und legte sie später in einem Buch voller Beleidigungen und Photocollagen in Schwefelsäure ("Mandarijnen op Zwavelzuur"). Das Vergnügen, das er dabei wahrscheinlich hatte, habe ich nie ganz verstanden. All diese Energie für ein paar unwichtige und inzwischen bereits vergessene Figuren erschien mir als gigantische Zeitverschwendung mit dem einzigen Resultat, den Opfern eine negative Unsterblichkeit zu bescheren.

Was bleiben wird, sind die großen Romane und Essays. Es wäre an der Zeit, daß die deutsche Verlagswelt ihren bedauernswerten Mangel an Interesse wiedergutmachen würde. An Titeln fehlt es nicht: "De blinde fotograaf" ("Der blinde Photograph"), "Paranoia", "De donkere kamer von Damokles" ("Die Dunkelkammer des Damokles"), "Moedwil en misverstand" ("Mutwillen und Mißverständnisse"), "Ik heb altijd gelijk" ("Ich habe immer recht"), "Een wonderkind of een total loss" ("Ein Wunderkind oder Totalschaden"), "Nooit meer slapen" ("Nie mehr schlafen") - die Titel lesen sich wie ein Psychogramm seines ausweglosen, jedoch nicht zynischen Weltbildes, das er selbst einmal als "schöpferischen Nihilismus, aggressives Mitleid, völlige Misanthropie" bezeichnet hatte.

In den siebziger Jahren machte ich einmal mit ihm eine lange Autofahrt nach Turin. Einige Bilder dieser Reise sind mir im Gedächtnis geblieben, die Publikation der Photos untersagte er. Wenn er wollte, konnte er außerordentlich liebenswürdig sein, und das ließ sich für mich, den damals viel jüngeren Mann, manchmal nur schwer mit dem Autor der Bücher, dieser so gefürchteten Person, in Einklang bringen.

Eines Nachts wurde ich auf jener Reise von seinen herzzerreißenden, orkanartigen Hustenanfällen geweckt. Es war, als bebte das Hotel, Geräusche aus einem finsteren Universum. Sie paßten besser zu der Welt seiner Bücher als der charmante, mondäne Mann, mit dem ich ein paar Stunden zuvor gespeist hatte.