Abgesehen von einer fehlenden Giebelspitze sieht der Szczeciner Hauptbahnhof, ein karger Zweckbau aus den zwanziger Jahren mit holzüberdachten Perrons, heute noch genauso aus wie im Spätwinter 1945, als die Stettinerin Ilse Gudden die brennende Stadt verließ. "Die Zufahrtsstraßen zum Hauptbahnhof . . . waren total verstopft", erinnert sich die alte Dame nach fast einem halben Jahrhundert. "Zwischen dem 8. und 20. März spielten sich an diesen Stätten, die ständig unter Angriffen aus der Luft lagen, entsetzliche Szenen ab."

Ilse Gudden hat es geschafft. Mitten in der Nacht wurde der Güterwagen, der sie ins rettende Schwerin bringen sollte, verriegelt. Zur gleichen Zeit versuchte Kazimierz Borkowiak, einer von vielen nach Stettin verschleppten polnischen Zwangsarbeitern, um jeden Preis zu bleiben, um so seinen Kopf zu retten. Im Durcheinander der letzten Stunden vor dem Fall der Stadt konnte sich Borkowiak im Keller eines zerstörten Hauses am Augustaplatz verstecken. "Dort wartete ich den Einmarsch der Russen ab."

Es war das Ende der alten Ordnung, die bereits seit April 1943 nach und nach in Schutt und Asche fiel. Zahlreiche alliierte Bombenangriffe verwandelten das 400 000 Einwohner zählende Stettin in ein Trümmerfeld.

Um so verblüffender ist, was noch und, vor allem, was wieder steht: der gotische Turm von St. Jacobi, das vorbildlich restaurierte Schloß mit seinen seltsam gedrehten Ornamenten, das 1874 eröffnete Hauptpostamt, das Königstor, die wuchtige, 1907 eingeweihte Hakenterrasse . . .

Umgeben von reizlosen Plattenbauten und breiten Straßen, liegen sie heute in der Stadt wie zufällig ausgestreut aus einem Füllhorn der Geschichte. Alliierte Bomben und die sozialistische Architektur haben das Gesicht dieser hanseatisch geprägten Metropole entstellt, die seit 1989, dank ihrer Nähe zu den nunmehr offenen Grenzen nach Deutschland und Skandinavien, wieder aufzublühen beginnt.

Szczecin ist Polens einzige Stadt westlich der Oder und hätte so nach dem Krieg eigentlich der sowjetischen Besatzungszone zufallen müssen. Als am 25. April 1945 die Rote Armee die Stadt besetzte, war noch nichts entschieden. In der verödeten, zwangsgeräumten Pommernmetropole harrte, in Ruinen versteckt, eine kleine Gruppe deutscher Kommunisten aus, die die russischen Soldaten als Befreier begrüßten. Kurz darauf, am 3. Mai 1945, setzte die sowjetische Militärverwaltung Erich Spiegel, den Frontbeauftragten des Nationalkomitees Freies Deutschland, als deutschen Bürgermeister in Stettin ein. Im Stadtteil Zobelsdorf begann Spiegel mit dem Aufbau einer deutschen Stadtverwaltung. Daneben gab es auch eine polnische Verwaltung. Denn bereits am 30. April hatte Stadtpräsident Piotr Zaremba die weiß-rote Fahne auf dem ehemaligen Regierungsgebäude an der Hakenterrasse gehißt.

So geriet die gleichzeitig von Sowjets, Deutschen und Polen verwaltete Stadt in eine völlig unüberschaubare Lage. Deutsche Rückkehrer und polnische Neusiedler strömten ein. Es gab kaum Nahrungsmittel und Medikamente. Polnische Kriminelle, Soldaten aus versprengten deutschen Einheiten, Angehörige ausländischer SS-Einheiten, Deserteure der Roten Armee und Marodeure der Wlassow-Armee, die bei Festnahme den sicheren Tod vor Augen hatten, rotteten sich zu Räuberbanden zusammen. Brandstiftungen, Raubüberfälle, Morde waren an der Tagesordnung. Die Atmosphäre in Stettin erinnerte an die einer Frontstadt; es regierte die nackte Gewalt.