Daß es Kolumbus war, der vor mehr als 500 Jahren auf die Neue Welt stieß, weiß jedes Kind. Jetzt ruft die Bundesregierung die deutschen Unternehmer auf, des Kontinents "Faszination neu zu entdecken". Denn Demokratie und Wachstum - so gab sich Außenminister Klaus Kinkel bei seiner Rede vor Lateinamerikas Botschaftern vorige Woche in Bonn völlig sicher - verhießen lukrative Geschäfte. Eine solche Expedition der Exporteure würde ja schließlich auch deutsche Arbeitsplätze sichern.

Ganz offiziell wird Bonn erst am 17. Mai ins Horn stoßen; dann verabschiedet das Kabinett ein neues "Lateinamerika-Konzept", mit dem Wirtschaft und Politik zwischen Feuerland und Rio Grande verlorenes Terrain zurückgewinnen sollen. Angeblich hat sogar der Bundeskanzler schon geblättert in den zwanzig Seiten diplomatischer Analyse, die "neue Perspektiven größerer Gemeinsamkeit und engerer Zusammenarbeit" ausmalen und zugleich warnen: "Der internationale Wettbewerb um die Märkte in Lateinamerika hat sich verschärft. Es bedarf verstärkter Anstrengungen, um die deutschen Marktanteile zu erhalten und auszubauen."

Zahlen sagen das noch deutlicher als Worte. Zwar beheimatet Lateinamerika mit 18,2 Milliarden Mark etwa zwei Drittel aller deutschen Auslandsinvestitionen in Entwicklungsländern; einschließlich reinvestierter Gewinne deutscher Tochterunternehmen schätzt der Ibero-Amerika-Verein in Hamburg sogar einen Wert von über 35 Milliarden Mark. Aber die alemánes ruhen sich aus auf den Polstern von gestern; nach dem Umbruch in Osteuropa machten deutsche Direktinvestitionen in Lateinamerika etwa 1993 kaum mehr als ein Zehntel aller Neuanlagen jenseits von Oder und Neiße aus. Auch beim Export verlor Made in Germany zuletzt Marktanteile: 1990 bestellten die Latinos noch 6,6 Prozent ihrer Importe in Deutschland, drei Jahre später waren es nur noch 5 Prozent. Damit ist die Bundesrepublik zwar noch immer Europas klassenbester Verkäufer in der Neuen Welt, aber die Europäische Union fällt im Rennen mit Japan und vor allem mit den USA zurück: Der Marktanteil der EU schrumpfte von 24,3 (1990) auf 18,2 Prozent (1994).

Dabei hatte Klaus Kinkel schon im November 1993 "den Industriestandort Deutschland in Gefahr" gewähnt und seine Botschafter bei einem Treffen in Buenos Aires angehalten, teutonische Wirtschaftsinteressen stärker zu promovieren: "Heute zählt jeder Auftrag!" Der Politikwissenschaftler Detlef Nolte erkennt in solchen Sätzen die Gemütslage "eines typischen Handelsstaates nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes". Nolte, Mitarbeiter des Hamburger Ibero-Amerika-Instituts, sieht Europa und die Vereinigten Staaten längst "in einem geoökonomischen Wettlauf" um Einfluß und Märkte. Washington ziehe "die lateinamerikanische Karte", um Europa in globalen Handelskonflikten unter Druck zu setzen. Gleichzeitig lockten die USA auf dem Amerika-Gipfel zu Miami im vergangenen Dezember die Latinos damit, ihre nordatlantische Freihandelszone (Nafta) mit Kanada und Mexiko auf den ganzen Kontinent auszuweiten. Die aufgehende Saat im traditionellen Hinterhof will sich Uncle Sam allein für seine Exporte sichern.

Jetzt beschlossen die fünfzehn EU-Mitglieder ihre Gegenofferte: Sie wollen Lateinamerika von Süden aus zurückerobern - durch einen Assoziierungsvertrag mit dem Mercosur (Argentien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) und dem Angebot, zwischen beiden Regionen bis zum Jahre 2001 ein Freihandelsabkommen zu unterzeichnen.

Nach Meinung von Wolf Grabendorff, dem Direktor des Instituts für europäisch-lateinamerikanische Beziehungen (Irela) in Madrid, wäre ein solch interregionaler Vertrag "einmalig auf der Welt". Allerdings weiß Grabendorff auch, daß in Brüssel bereits an hohen Hürden auf dem Weg zum hehren Ziel gezimmert wird: "Die Agrar- Lobby rüstet sich bereits." Spanier, Italiener und Franzosen fürchten die Konkurrenz südamerikanischer Weinbauern und Rinderzüchter, auch deutsche Obstbauern melden Ängste an. Die Europäer stehen vor der Wahl: Eine Analyse der EU-Kommission prognostiziert, daß im Mercosur der Anteil europäischer Importe von heute 28 Prozent ohne Handelsabkommen auf weniger als ein mageres Viertel fallen dürfte; per Freihandel hingegen ließe sich mehr als ein Drittel sichern.

Die Neue Welt hat sich längst für Freihandel und einen regionalismo abierto, einen offenen Regionalismus, entschieden; in der Alten Welt wird noch um die Strategie zwischen Protektionisten und Freihändlern, zwischen Landwirtschaft und Industrie gerungen. Albrecht C. Rädecke, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Südamerikanischen Bank, hofft auf eine klare Antwort, "auch im Interesse deutscher Arbeitsplätze". Dazu müsse die Bonner Politik "endlich mehr Profil entwickeln" und "nicht ständig den Spaniern die ganze Schau überlassen". Verbittert erinnert Rädecke an die Brüsseler Schutzmauern gegen lateinamerikanische Bananen, die gemeinsam von Franzosen und Spaniern errichtet wurden: "Tags drauf spielte Madrid sich wieder als Anwalt der Latinos in Europa auf."