Libau in Kurland Anfang Mai 1945. Ein ständiges nervöses, skeptisches Aufschnappen von Nachrichten über die Situation, in der wir uns befanden. Natürlich war jeder total machtlos. Etliche Wehrmachtsangehörige zimmerten seit ein paar Wochen heimlich an kleinen Ruderbooten, um in der Stunde X hineinspringen und in Richtung Deutschland stochern zu können. Andere wiederum hofften, mit lettischen Fischerbooten vielleicht bis nach Schweden flüchten zu können. Nach ein paar qualvollen Nachtstunden in einem kleinen Holzhause in Hafennähe erhob ich mich. Am Tage zuvor, am 7. Mai, war verkündet worden, die Waffen würden ruhen.

Es war jetzt heller Tag. Nun hieß es, sich zwischen zwei Aktionen schnell zu entscheiden. Entweder den Seeweg zu wählen, um irgendwo an Land zu kommen - dort, wo man friedfertige, wenn vielleicht auch nicht unbedingt freundliche oder gar hilfsbereite Menschen, welcher Nation auch immer, glaubte finden zu können.

Die zweite mögliche Entscheidung hieß, sich passiv zu verhalten, sich von schnellstens zu erwartenden Truppen Stalins einfach gefangennehmen zu lassen. Das war aber mit schweren Risiken durchsetzt. Es mußte damit gerechnet werden, daß ich gleich liquidiert würde, zumal da ich bei der deutschen Wehrmacht (zuerst im Stabe einer Infanteriedivision, dann in der Heeresgruppe Nord) als russischer Dolmetscher gedient hatte.

Ich, ein Mensch nicht gerade besonderer Entschlußfreudigkeit, entschloß mich zur Flucht über den Seeweg. Von den zentral gelegenen Bürgerhäuschen, wo ich, ein Sonderführer Z im Leutnantsrang, seit etlichen Wochen einquartiert gewesen war, konnte ich zusammen mit anderen Kameraden auf einem Lkw in den Hafen fahren.

Die Situation dort war äußerst prekär. Im Hafen war, als ich ankam, kein einziges Schiff, kein Segelboot zu sehen, das mich zu einem stillen Winkel der Friedfertigkeit hätte mitnehmen können. Ich sah vor mir ein deutsches Minensuchboot. Also nichts als draufspringen und Kurland verlassen. Aber da kamen noch Minuten des Bedenkens und des Zweifelns, denn nur ein paar Schritte entfernt, auf einem Abhang, lagen etliche schwerverwundete Soldaten, die gleich mir auf die Flucht nach der Heimat hofften - hofften, sofern sie nicht gerade, durch Narkotika von Schmerzen befreit, keine klare Vorstellung von ihrer Situation hatten. Was für eine katastrophale Unmoral bedeutet es, sagte ich mir: Du läßt die Hilflosen im Stich, nur um dein eigenes Leben zu retten? Du verstößt dummdreist gegen ethische Vorstellungen, die du immer gepriesen und zumeist, wenn auch zuweilen zaghaft, befolgt hast?

Das Minensuchboot setzte zum Start an. Sekundenschnelle Entscheidung war gefordert. Kein Verwundeter konnte so schnell den Abhang herunter bis zum Boot gebracht werden. Ich brauchte mich daher keiner Unmoral schuldig zu machen. Ich sprang vom Ufer ein paar Meter hinunter aufs kleine Wasserfahrzeug.

Es bildete sich bald ein Geleit von circa 25 Einheiten. Wir wurden noch am selben Tage, trotz der verkündeten Waffenruhe, bedroht oder angegriffen, aus der Luft oder von Unterseebooten. Im schwedischen Hoheitsgebiet wurden wir aufgefordert, uns in schwedische Gefangenschaft zu begeben. Die Regierung versprach, daß wir nicht in russische Gefangenschaft ausgeliefert werden würden. Zum Glück lehnte der Leiter des Geleits das Angebot ab, und wir fuhren weiter in Richtung Deutschland, nach Schleswig-Holstein. Das war unser Glück, denn man weiß ja, daß die Schweden wortbrüchig wurden und die Gefangenen später doch an die Sowjetunion ausgeliefert haben. Man erkennt: Wer politischen Verträgen in Friedenszeiten nicht mit einem großen Mißtrauen begegnet, ist weltunkundig. Wer politischen Verträgen im Kriege vertraut, ist ein Trottel.