Dieser Tage erregt die vom Hamburger Institut für Sozialforschung initiierte und unter der Ägide des Historikers Hannes Heer in den Hallen des Theaters Kampnagel gezeigte Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" die Gemüter innerhalb der Bundeswehr. Wieder einmal scheint es die Bundeswehr als ihre Aufgabe anzusehen, den "sauberen Waffenrock der Wehrmacht" zu verteidigen. Als eine reine Schockreaktion kann jedenfalls ihre schroffe Ablehnung der Ausstellung nicht erklärt werden, denn die Schrift- und Bilddokumente bieten keine neuen Erkenntnisse. Allenfalls stellen sie den seit den Dokumentationen Manfred Messerschmidts vorhandenen Wissensstand auf eine breitere Grundlage, dank der besseren Zugänglichkeit osteuropäischer und russischer Archive. Neu ist nur die von Hannes Heer vertretene These, der von der Wehrmacht geführte Krieg sei keine planlose Ansammlung von Kriegsverbrechen, sondern Teil des Holocaust. Sie gründet nicht allein auf den Zahlen der Opfer - sechseinhalb Millionen Zivilisten, darunter anderthalb Millionen Juden, dreieinhalb Millionen Kriegsgefangene sind im Verantwortungsbereich der Wehrmacht umgekommen -, sondern auch auf der institutionalisierten Regelhaftigkeit, mit der die Wehrmacht in den von ihr eroberten Gebieten Juden erfaßte, Ghettos errichtete, Transportkapazitäten zur Verfügung stellte und auch an Exekutionen mitwirkte.

Ob Holocaust oder nicht ist angesichts der dokumentierten Tatsachen eher ein semantisches Problem. "Denn nicht die SS (. . .), die Wehrmacht war der große Unglücksbringer!" schreibt Ralph Giordano. "Die Wehrmacht hat das kriminelle NS-System mit Waffengewalt über die deutschen Grenzen exportiert, sie war das Schwert in den Händen der Naziführung zur Realisierung ihrer kontinentalen und globalen Raub- und Unterdrückungspläne. Erst im Schatten der Wehrmacht konnten die Todesschwadronen der SS operieren, erst die territorialen Eroberungen der Wehrmacht haben dem stationären und dem mobilen Vernichtungsapparat des Reichssicherheitshauptamtes den Freiraum geschossen - sein Radius war immer identisch mit den deutschen Fronten." Man braucht kein Anhänger der von Giordano vertretenen Kollektivschuldthese zu sein, um seine Funktionsanalyse als richtig zu erkennen.

Niemand bestreitet, daß nicht alle Soldaten der Wehrmacht von den im Verantwortungsbereich der Wehrmacht begangenen Verbrechen gewußt und daß nicht alle sich beteiligt haben. Auch die Initiatoren der Kampnagel-Ausstellung unterstellen keine Kollektivschuld. Wer die Initiatoren aber, wie dies aus Bundeswehrkreisen bereits geschehen ist, der mangelnden Differenzierung bezichtigt, setzt sich dem Vorwurf aus, Wissenschaft falsch zu verstehen. Zuerst nämlich müssen die dokumentierbaren Fakten - also die Anzahl der ermordeten Juden, Kriegsgefangenen sowie die institutionalisierte, nicht ausnahmehafte Beteiligung der Wehrmacht an der Juden- und Slawenverfolgung - akzeptiert, dann erst kann differenziert werden. Wenn aber pauschal gesagt wird, "die Wehrmacht hat es ja überhaupt nicht gegeben", dann ist das unwissenschaftlich.

Woher kommt nun diese eigenartige Verkrampfung, die noch heute führende Bundeswehrsoldaten so empfinden läßt, als seien sie selbst die Beschuldigten oder müßten, koste es, was es wolle, den "Schild der Wehrmacht" unbefleckt halten? Meiner Ansicht nach gibt es zwei maßgebliche Gründe dafür: erstens die Ablehnung der Annahme einer Kollektivschuld aller Deutschen im allgemeinen und aller deutschen Soldaten im besonderen. Allerdings: Die Annahme einer Kollektivschuld ist wenig ernst zu nehmen, solange sie nicht - und meine Befürchtung ist, daß dies seitens der Bundeswehr und des Bundesverteidigungsministeriums geschieht - mit dem wissenschaftlichen Denken verwechselt wird, das niemals Vergegenwärtigung des einzelnen Schicksals, der einzelnen Tragik sein kann, sondern stets nach Systematik, Funktion und Gemeinsamkeit suchen muß. (Oder spielen persönliche Gründe eine Rolle? Erinnert sich mancher Bundeswehrgeneral noch an ehemalige Vorgesetzte, die ihrerseits in der Wehrmacht gedient hatten, und möchte seine Erinnerung nicht trüben lassen? Ich weiß es nicht.) Der zweite Grund ist der Glaube, daß Kritik an der Kriegführung der Wehrmacht entweder nur ein Vorwand sei, um gegen die Bundeswehr zu agitieren, oder aber, selbst wenn die erste Annahme nicht zutrifft, gleichwohl der Bundeswehr schaden würde. In Wahrheit liefern diejenigen, die die Bundeswehr vor ihren Gegnern in Schutz nehmen wollen, sie ihnen erst aus.

Ich habe großes Verständnis dafür, daß altgedienten Soldaten aufgrund persönlicher Erlebnisse mit einer verhetzten Öffentlichkeit, vor allem in den Jahren nach den 68er-Unruhen und erneut im Nachrüstungsstreit, der nüchterne Blick auf eine offene Gesellschaft abhanden gekommen ist.

Unabhängig davon kann ich aber nicht gutheißen, in welchem Maße die Gesellschaft des Wertewandels für die Bundeswehr offenbar zum Feindesland geworden ist. Die Bundeswehr ist nie richtig damit fertig geworden, daß sie ein der Öffentlichkeit weitgehend unbekannter Männerverein blieb. Übertriebene Empfindlichkeit gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit ist die Folge; dem Kritiker wird nicht zugestanden, als Staatsbürger an der Entwicklung seiner Bundeswehr, beispielsweise ihres Traditionsverständnisses und ihrer Einbindung in die Gesellschaft, mitwirken zu wollen. Ihm wird in der Regel ideologische Ablehnung der wehrhaften Demokratie überhaupt unterstellt - wenn er etwa meint, ein Bundeswehroffizier, der im Rundfunk die Kriegführung der Wehrmacht in Rußland verteidigt, gehöre nicht in die Bundeswehr, denn er vertrete den falschen Verein und mache seinen eigenen damit suspekt.

Der Persilschein, den zuerst die alliierte Militärgerichtsbarkeit und dann Adenauer und die anderen demokratischen Parteivorsitzenden der Wehrmacht ausstellten, war gute Politik. Es ging darum, die Deutschen behutsam und gegen schwerste Vorbehalte wieder an die Demokratie zu gewöhnen. Dies wäre nicht gelungen, hätte man fast den gesamten männlichen Bevölkerungsteil als Angehörige einer verbrecherischen Organisation denunziert.