Wer zuerst da war, der Bulle oder der Chaot, ist eine Frage der Konfession. Bei Maifeiern in Ostberlin fehlten bislang beide. Dank einer aufmerksamen Polizei haben die rituellen Kreuzberger Klassenkampf-Krawalle nun ihr östliches Gegenstück erhalten.

Der Stadtbezirk Prenzlauer Berg ist das schönste an Ostberlin, und am schönsten ist er am Kollwitzplatz. Hier lärmen zu Füßen der bronzenen Käthe die Kinderscharen, derweil die Eltern (halb nackt!) lesen und Tischtennis spielen. Hier auf dem Kolle wurde am 3. Oktober 1990 die Autonome Republik Utopia ausgerufen. Hier kündet jede Mauer frisch bezettelt von Aktion, Theater und Konzert. Hier palavern vor dem "Café Westphal" und dem "Pasternak" (Frühstück bis 16 Uhr!) unermüdlich die Künstler des Lebens. Hier tut der Berliner noch so freundlich, als wäre er ein Mensch. Kurzum: Prenzlauer Berg ist nicht Kreuzberg.

In jeder ersten Mainacht seit der Wende feierten am Kollwitzplatz die Hexen des Prenzlauer Bergs ihr Walpurgatorium. Tausende kamen und vergnügten sich, Feuer loderten himmelhoch, Trommeln dröhnten, gesoffen wurde auch und nicht randaliert. In diesem Jahr ließ der Stadtbezirk den Rasen des Kolle erneuern. Feuer sollten deshalb unterbleiben. Sie unterblieben nicht, und es begann der Krieg (Eingeborenen-Jargon). 600 martialisch bewaffnete Beamte rückten an, schossen ohne Warnung Tränengas und trieben das Volksfest mit Wasserwerfern auseinander. Ein prägendes Erlebnis, besonders für die vielen Kinder. Anderntags, am 1. Mai, folgte die zweite Polizeischlacht, diesmal gegen auswärtige Autonome. Prompt hatten nämlich reisende Revolutionäre aus ganz Deutschland den Prenzlauer Berg als Randal-Filiale von Kreuzberg ausgemacht.

Der Prenzlauer Berg ist nicht autonom, er ist friedlich und möchte das bleiben. Nur kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn die Kanone auf Spatzen schießt. Radikalität radikalisiert. Staatsgewalt ist am Kollwitzplatz seit dem 1. Mai 1995 nicht mehr nur ein Schimpfwort deutscher demokratischer Erinnerung. Den bewährten Genossen Maikämpfern von Staat und autonomer Volksmacht rufen wir zu: Haut euch woanders! Geht doch nach drüben!