Der Abbau der Arbeitslosigkeit kommt nicht voran. Der Aufschwung geht in sein zweites Jahr, aber mehr als Stillstand bei der Zahl der Arbeitslosen ist nicht erreicht. Die Anhänger der These vom beschäftigungslosen Wachstum auf beiden Seiten des ideologischen Spektrums sehen sich dadurch bestätigt: Der Aufschwung kann das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen. Folglich fordert die eine Seite Lohnzurückhaltung und Lohndifferenzierung, während die andere auf Arbeitszeitverkürzung setzt.

Dagegen stehen jene Beobachter, die auf der schlichten Logik der Konjunktur beharren. Könnte es nicht sein, daß die Unternehmen die jetzige Erholung nutzen, um die Kostensenkungspotentiale zu realisieren, die sie in der Rezession durch die Entlassung von Arbeitskräften geschaffen haben? Die Produktionszuwächse lassen sich mit dem Bestand an Arbeitskräften meist noch leicht bewältigen; die Kosten und insbesondere die Lohnkosten pro Stück gehen zurück, was letztlich Sinn der Rationalisierung war.

Dr. Heiner Flassbeck leitet die Konjunkturabteilung

im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung,

Wolfgang Scheremet ist Arbeitsmarktexperte im DIW

Erst wenn sich der Aufschwung fortsetzt und stärker wird, ist damit zu rechnen, daß zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden und die Arbeitslosigkeit sinkt. Arbeitsplätze, so die Logik der Konjunkturbeobachter, entstehen im Aufschwung genauso, wie sie im Abschwung verlorengegangen sind, nämlich in Abhängigkeit von der gesamtwirtschaftlichen Dynamik, die wiederum von den Investitionen geprägt wird. Also muß der Aufschwung lange genug dauern und stark genug sein, um den Prozeß der Schaffung von Arbeitsplätzen in Gang zu setzen und - wie das Beispiel der Vereinigten Staaten gerade zeigt - zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Die kritische Frage ist, was zu einer gesamtwirtschaftlichen Dynamik führt, die dem einzelnen Unternehmer genügend Anreize gibt, neue Arbeitskräfte einzustellen.

Hier aber beginnt das eigentliche Problem. Wer bei gesamtwirtschaftlicher Dynamik an Zinsen, Wechselkurse und weltweite Nachfrage denkt, der liegt scheinbar ganz falsch. Er sieht sich jedenfalls einer Phalanx orthodoxer Markttheoretiker gegenüber, die ihn eines Besseren belehren: Nicht diese Faktoren sind es, die die Zahl der Arbeitsplätze bestimmen, sondern die Beschaffenheit des Arbeitsmarktes selbst. Nur wenn "der Arbeitsmarkt wieder in Kraft" gesetzt wird (so Horst Siebert in der ZEIT), wird man "letzten Endes" die Arbeitslosigkeit abbauen können.