Der Bus nach Pergamon fährt nach Bergama. Das ist die erste Lektion. Pergamon liegt in der griechischen Antike; Bergama liegt in der Türkei. In diesem Punkt gibt es keine Kompromisse an den Antikentourismus.

Wir sind zu acht. Sechs Holländer und zwei Deutsche warten auf ihren türkischen Fremdenführer zu den alten Griechen. Auf dem Schiff, das uns die paar Meilen von Lesbos nach Ayvalik an der kleinasiatischen Küste der Ägäis hinübergeschaukelt hat, sind Pergamonfahrer eine kleine Minderheit. Die griechische Mehrheit an Bord will nicht die Stadt ihrer Vorfahren sehen. Sie will einkaufen, und zwar en gros.

Ayvalik ist ein einziger Basar: Billige Schuhe, Jeans made in Turkey, Plastikgeschirr, Tomaten für ein paar Pfennige. Die Türken verkaufen, was sie nur haben, zu Dumpingpreisen. Die Griechen kommen in Scharen herüber und kaufen, daß ihre Koffer und Taschen platzen. Diese Taschen sind ein Déja-vu. Es sind die gleichen riesigen, blau-weiß-rot gestreiften Plastiktaschen, wie sie über die Brücke von Görlitz und über die Märkte von Stettin und Preßburg geschleppt werden.

Ayvalik ist zweisprachig. Seine Bewohner sprechen türkisch, die Steine griechisch. Die Hausfassaden, die Gassen, die schmiedeeisernen Balkone sehen denen drüben in Griechenland zum Verwechseln ähnlich. Es sind die Spuren einer rigorosen Vertreibung. Das Osmanische Reich ließ seine Minderheiten Tribut zahlen und ansonsten gewähren. Als es zerfiel, versuchten die Griechen den Westen Kleinasiens zu erobern. Atatürk übte Vergeltung. Als er vor siebzig Jahren aus dem türkischen Kernland einen modernen Nationalstaat formte, wurden die Griechen, die seit eh und je an der kleinasiatischen Westküste saßen, vertrieben. Ihre Städte wurden türkisch besiedelt, ihre Kirchtürme geköpft und durch Minarette ersetzt. Im einst griechischen Ayvalik stehen mehrere solcherart bekehrter Moscheen.

Ein kleiner, quirliger Mann steigt zu uns in den Bus und stellt sich als unser Führer vor. Den Reißverschluß seines marineblauen Seemannspullovers hat er übers Kinn hochgezogen. Es ist wohl mehr die Müdigkeit, die ihn frösteln macht. Gestern abend hätten sie auf jedes Tor und dann auf den Sieg ihrer Fußballmannschaft getrunken, erzählt er in fließendem Deutsch mit leicht rheinischem Akzent.

Er läßt uns wählen, ob wir die Führung auf englisch oder lieber auf deutsch haben wollen. Seine Präferenz ist deutlich. Wir einigen uns trotzdem auf englisch. Das verstehen alle acht. Daraufhin bietet er uns an, ihn ruhig in unserer Sprache zu fragen, wenn etwas unklar ist. Es macht ihm offenbar Spaß, Deutsch zu sprechen. Während unser Bus durch die von kahlen, sandfarbenen Bergen begrenzte kleinasiatische Küstenebene fährt, vorbei an Baumwollfeldern, Ölbäumen und Bauernkaten, erfahren wir die Geschichte des Fremdenführers. Dreiundzwanzig Jahre Deutschland, zwei davon in Düsseldorf, an der Kunstakademie bei Joseph Beuys. "Ein Verrückter." Das ist nicht abfällig gesagt, eher kopfschüttelnd. Halb fassungslos, halb bewundernd.

Unser Bus fährt in steilen Serpentinen auf den Berg, auf dem Pergamon liegt. Unser Führer spricht schnell und macht es kurz. Sein Repertoire umfaßt die technischen Hochleistungen im alten Pergamon und Anekdoten aus der griechischen Mythologie. Wie klug und effektiv die Alten ganz ohne unsere Elektrizität und Motoren Wasser aus der Ebene hoch hinauf in ihre Bergstadt pumpten und es auf achtzehn Zisternen an die über hundertfünfzigtausend Bewohner verteilten. Dann die raffinierte Statik des Hadriantempels. Am Felshang das steilste Theater der Antike mit der kleinasiatischen Bergkulisse als Bühnenbild.