Leon Whitey Thompson wurde am 23. Januar 1923 geboren. Sechs Banküberfälle, 8939 Gefängnistage und ein Buch später ist er ein gemachter Mann. Am Hafen von San Francisco hat er in einem Souvenirshop seinen eigenen Büchertisch. Ein Karteiphoto von 1962 zeigt einen Mann mit grimmigen Zügen, Häftling Nr. 1465. Davor liegen Stapel mit dem Erlebnisbericht "Rock Hard". Mr. Thompson präsentiert sich und sein Leben: Exbankräuber, Exsträfling, heute ein bekannter Mann. Warum? Es steht auf seiner Visitenkarte: "Former Alcatraz Prisoner".

Alcatraz Island, Pelikaninsel, wurde der Felsen in der Bucht von San Francisco von spanischen Entdeckern getauft. Alcatraz ist der ideale Ort für ein Zuchthaus: Rundherum Wasser, das nie wärmer als zehn Grad Celsius wird, dazu starke Strömungen. Eine natürliche Barriere, die jeden bremste, der wider Erwarten anderen Absicherungen schon getrotzt hatte. Ausbruchsfeste Gitterstäbe, auf jeden dritten Gefangenen ein Wärter, sechs Wachttürme. Im Sommer 1934 war Alcatraz das erste Hochsicherheitsgefängnis der USA geworden. Hier saßen neben prominenten Verbrechern wie Al Capone vor allem die schlimmsten troublemaker, Häftlinge, die in anderen Gefängnissen nicht zu bändigen waren. Sie hatten Zellengenossen verprügelt, die Arbeit verweigert, Wärter angegriffen. Leon Thompson sagt: "Wir waren die Männer, die man nicht abrichten konnte; wir dachten alle, wir seien ganz harte Jungs. In Alcatraz wurden wir vor allem dafür bestraft."

Nach einer Schlägerei mit Gefängniswärtern im Bundesstaat Washington war Thompson 1958 nach Alcatraz gekommen. Täglich bis zu 23 Stunden in der Zelle standen ihm bevor; sechzig Besuchsminuten pro Monat waren erlaubt, und auch die nur, wenn er sie sich mit regelgerechtem Verhalten verdient hatte. Die Arbeit im Gefängnis war ebenfalls ein Privileg - wer bei guter Führung in der Wäscherei, der Küche, der Bücherei zu tun hatte, der entkam seiner Zelle für sechs Stunden pro Tag. Verboten war dazu vieles, was in anderen Gefängnissen zum Alltag gehörte: Süßigkeiten, Filterzigaretten, Radios, Zeitungen. Persönliche Briefe wurden den Gefangenen nie ausgehändigt, sie bekamen nur eine getippte Abschrift. Viereinhalb Jahre lang saß Thompson in diesem Gefängnis. "Jedes Jahr in Alcatraz war wie fünf Jahre in einem anderen Gefängnis", sagt er.

Thompsons Stimme begleitet auch die Alcatraz-Touristen, die heute mit leichtem Schaudern an den knapp fünf Quadratmeter großen Zellen vorbeispazieren und dabei die Kassette der "Alcatraz Audio Tour" abspielen. "Meine Zelle wurde ein Teil von mir, und ich wurde ein Teil meiner Zelle. Wir wurden Freunde." Thompson erzählt auch, wie er innerlich auf Reisen ging, während eine der schönsten Städte Amerikas nur fünf Kilometer weit weg und doch in unerreichbarer Ferne lag. "Ich habe die Augen geschlossen, mich konzentriert und bin losgefahren."

Andere beließen es nicht bei imaginären Ausflügen in die Freiheit. 1936 erschoß ein Wachtposten einen fliehenden Häftling, der es schon über den äußeren Drahtzaun des Gefängnisgeländes geschafft hatte. In fast jedem Jahr versuchten andere Gefangene die Flucht; blutiger Abschluß dieser Serie war eine Häftlingsrevolte im Mai 1946, der zwei Wächter und drei Insassen zum Opfer fielen. Nach zwei weiteren gescheiterten Fluchtversuchen in den Jahren 1956 und 1958 entkamen dann im Juni 1962 drei Gefangene ins Wasser der San Francisco Bay - bis heute ist ungeklärt, ob sie das Festland erreichten. Ihre Leichen wurden nie gefunden; ein von dieser Flucht inspirierter Hollywoodstreifen mit Clint Eastwood trägt bis heute zur Alcatraz-Legende bei.

Drei Monate nach der spektakulären Flucht des Anglin-Morris-Trios verließ auch Leon Thompson Alcatraz, als freier Mann. Den 25. Oktober jenes Jahres betrachtet der heute 72jährige als seinen zweiten Geburtstag. Seinen dritten feierte er am 10. April 1975. Damals beendete er seine kriminelle Karriere endgültig: Er wurde aus dem kalifornischen Staatsgefängnis Folsom entlassen, wo er eine zehnjährige Strafe wegen Einbruchs abgesessen hatte.

Thompson heiratete wenig später eine langjährige Brieffreundin. 1984 heuerte er als Fremdenführer bei der Schiffahrtsgesellschaft Red and White Fleet an. Die organisiert Touren nach Alcatraz. Mehrmals täglich fahren von San Franciscos Hafen Fisherman's Wharf Boote zur ehemaligen Gefängnisinsel, die seit 1972 Museum ist. Thompson hatte diesen Ort gehaßt; heute erzählt er den Touristen von seiner Läuterung. Er sagt, er sei gerecht bestraft worden: "Wer ein Verbrechen begeht, der soll auch dafür bezahlen. Ich selber habe jeden einzelnen Tag im Gefängnis verdient."