DINSLAKEN/HERNE. - Eigentlich sollte die halbe Stadthalle ausgereicht haben. Doch der Andrang an diesem Abend ist größer als erwartet. Ordner schieben eilig die Trennwand beiseite, damit alle, die hereindrängen, Platz finden. Dabei wurde für die Veranstaltung gar nicht aufwendig geworben. Auf den wenigen Plakaten steht nur lapidar: "Hildebrandt kommt."

Doch das genügt. Ihm sei von der Bonner Parteizentrale Rudolf Scharping als Redner angeboten worden, sagt der Dinslakener SPD- Landtagsabgeordnete Horst Vöge. Aber er habe lieber die brandenburgische Sozialministerin haben wollen: Die ist im Ruhrgebiet ungeheuer beliebt. In der Landes-SPD geht dann schließlich auch der Spruch um: "Biete zwei Scharping gegen eine Hildebrandt."

Der SPD-Landesgeschäftsführer Ernst-Martin Walsken erzählt, bei ihm hätten schon Landtagskandidaten angerufen und gesagt: "Schick mir die Hildebrandt, dafür kannste die Landesminister alle behalten." Sie hat mehr Termine als die beiden anderen Ost-Sozialdemokraten zusammen, die ebenfalls in Nordrhein-Westfalen auf Wahlwerbung gehen, Manfred Stolpe und Wolfgang Thierse.

In Dinslaken - es ist ihr sechster und letzter Auftritt an diesem Mittwoch - läßt sie ihre Fans eine ganze Stunde warten. Doch kein Mensch ist ihr böse. Als sie die Halle betritt, wird sie mit donnerndem Applaus empfangen. Winkend und lachend läuft sie mit ausladenden Schritten die erste Reihe ab, die lokale Parteiprominenz trippelt hinterher und kommt gar nicht dazu, sie zu begrüßen.

Sie hat nur ein Thema, ihr Thema: die kalte, unsoziale Politik der Bundesregierung. Zu DDR-Zeiten, beginnt sie, habe sie über die Bundesrepublik immer gedacht, das sei ein Staat, der mit seiner sozialen Absicherung den Kapitalismus gebändigt habe. Ihr Bild habe nichts gemein gehabt mit den Kapitalismusdarstellungen in den DDR-Lehrbüchern. Doch das vereinte Deutschland entspreche immer mehr diesen Beschreibungen: "Die soziale Komponente wurde nicht auf den Osten übertragen, sondern im Westen wurde der Sozialstaat in Frage gestellt."

Regine Hildebrandt gibt sich angriffslustig und hat Spaß am Spotten. Sie macht sich lustig über Politiker-Worthülsen wie "Handlungsbedarf" oder "Umbau des Sozialstaats". Hildebrandt: "Normalerweise baut man um, weil man's schöner haben will. Aber dieser Umbau sieht so aus: Dort 'n Stückchen weg und da 'n Stückchen weg." Die Leute klatschen begeistert.

Ihr Erfolg gerade im Ruhrgebiet ist leicht zu erklären: Sie spricht, trotz ihres starken Berliner Dialekts, die Sprache der Leute hier. Mit ihrer herben und ungeschminkten Art wirkt sie auf die Menschen wie eine der Ihren. Vor allem gelingt es ihr, die Ressentiments im Ruhrgebiet gegen die Vereinigung, als deren Verlierer man sich hier oft fühlt, in Zorn auf "die in Bonn" umzumünzen - etwa wenn sie erklärt, was es bedeute, wenn die Bundesregierung die Arbeitslosenhilfe auf zwei Jahre befristen wolle: Dann müsse Sozialhilfe gezahlt werden, für die die Kommunen zuständig seien. Am stärksten betroffen wären jene Gemeinden, die ohnehin schon die höchsten Arbeitslosenquoten hätten.