Ich habe nichts dagegen, daß Hochhuth ein Theater bekommt. Man soll ihm das Schiller-Theater geben. Dort sind einige seiner Stücke uraufgeführt worden. Dort kann er die von ihm so geliebte Piscator- Tradition wiederaufnehmen. Das Berliner Ensemble paßt doch gar nicht zu ihm. Aber er hat eine eigenartige Passion fürs BE. Als Matthias Langhoff das Direktorium verließ, da meldete Hochhuth sich. Er wollte dessen Nachfolger werden. Er wurde abgelehnt. Als Zadek aufhörte, bewarb Hochhuth sich wieder. Mit einem Brief an mich. Es war rührend: Er habe es satt, sein Geld mit Zeitungsschreiberei zu verdienen, er wolle jetzt endlich wieder als Dramatiker existieren. Das war am 14. April dieses Jahres. Da hatte er längst seinen Vertrag mit Wertheim gemacht.

Eine wunderbare Intrige. Das macht mir Spaß. Als Leser von Kriminalromanen finde ich Hochhuths Rosenkrieg ums Berliner Ensemble sehr spannend. Interessanter als seine anderen Stücke. Einar Schleef sitzt gerade an einer Dramatisierung. In deutschen Blankversen. Bei uns steht auch der Schluß schon fest: Damit nicht alles durcheinandergerät und Hochhuth weiter als interessanter Bösewicht dasteht, werde ich in unserer Variante am Ende der Gärtner sein, der doch der Mörder war.

Hochhuths Versuch der feindlichen Übernahme des Berliner Ensembles ist zwar noch kein Theater, aber es geht doch immerhin um ein Theater. Das gefällt mir. Hochhuths Aktion hält mich auch nicht vom Schreiben an meinem neuen Stück ab. Im Gegenteil: Diese Hochhuth-Posse belustigt mich, ein Kriminalroman mit Schwankelementen. Charlys Tante: Rolf Hochhuth als Birgit Breuel, als Treuhand.

Hochhuth habe ich 1986 oder 1987 kennengelernt. Wir wurden beide in die West-Berliner Akademie der Künste aufgenommen. Wir haben danach oft miteinander gesprochen. Hochhuth ist ein sehr gebildeter Mann. Wir haben uns immer gut unterhalten. Aber so amüsiert wie bei seiner neuesten Geschichte habe ich mich noch nie mit ihm.

Was ist der Stellenwert des Theaters heute, wo ist sein Platz in der Gesellschaft? Für wen spielen wir? Niemand weiß das. Das ist die eigentliche Schwäche des Theaters. Ich glaube allerdings nicht daran, daß die Zeiten günstig sind für ein "Theater als moralische Anstalt", wie es Hochhuth vorschwebt. Am 18. Oktober eines jeden Jahres im Berliner Ensemble zur Erinnerung an die Berliner Judendeportationen Hochhuths "Stellvertreter" aufzuführen, macht fürs BE keinen Sinn. Wir können in der Berliner Theatersaison nur überleben, wenn wir einen sehr engen Spielplan haben. Seit das Brechtmonopol nicht mehr gilt, hat das BE kein Profil mehr. Unser Spielplan muß sich konzentrieren. Auf Shakespeare, Brecht und Müller. Eine Chance haben wir nur, wenn wir einen finsteren Spielplan machen. Also von Shakespeare nicht die Komödien, sondern die Historien und die Tragödien: "Richard II." und "Richard III.". Mit Schleef planen wir Brechts Bearbeitung von Gorkis "Mutter". Ich glaube, es ist jetzt auch die Zeit gekommen, die DDR-Vergangenheit und Stücke wie "Bau" und "Umsiedlerin" neu zu sehen. Brechts "Galilei" zum Beispiel sollten wir einstudieren, das war ja auch ein Trotzkij-Stück. Ich erinnere mich an Brechts letzte Proben mit dem Stück. Busch spielte den Galilei. Die beiden stritten sich. Brecht sagte immer zu Busch: "Dieser Mann ist ein Verbrecher. Sie müssen ihn spielen wie einen Verbrecher. Der Verbrecher hat die Wahrheit gewußt und hat sie verleugnet." Brecht hatte recht. Busch antwortete: "Das haben Sie nicht geschrieben." Damit hatte Busch wieder recht.

Ich habe gerade Peter Hacks' "Moritz Tassow" wieder gelesen: ein Stück DDR-Geschichte in Porzellan. Es liest sich heute viel besser als 1961. Daneben gibt es eine Reihe von Stücken, die im Rahmen unserer "Autorenwerkstatt" entstanden sind: Lothar Trolles Bearbeitung von Platonows "Baugrube" ist darunter, auch Angelika Klüssendorfs Schwank über den aktuellen Kulturbetrieb. Einige dieser Arbeiten sollten wir aufführen.

Ich möchte die Stücke von Hochhuth überhaupt nicht werten. Ich möchte sie nicht abwerten. Aber die Qualität seiner Stücke liegt doch in den Stoffen. Das ist eine journalistische Qualität. Das spricht überhaupt nicht gegen die Stücke, denn schon Strindberg hat gesagt: Das Drama ist die Armenbibel, es verarbeitet die Gemeinplätze der Epoche. Über den journalistischen Aspekt knüpft Hochhuth an Schiller an. Nur über ihn. Hochhuth ist der Schiller unserer Epoche. So sieht Schiller heute aus. Wir haben eine andere Vorstellung vom Theater. Uns interessiert beim Theater nicht der journalistische, der unmittelbare aktuelle Aspekt. Ich glaube nicht an die unmittelbare Aktualität auf der Bühne. Das machen die anderen Medien besser. Etwa 1948, Brecht war gerade nach Berlin gekommen, da gab es ein Gespräch an einer Arbeiter- und Bauernfakultät, und Brecht wurde gefragt: "Warum schreiben Sie keine aktuellen Stücke?" Brecht antwortete erst ausweichend: "Es gibt schnelle und langsame Autoren. Ich gehöre zu den langsamen." Die Frager setzten nach: "Hedda Zinner, Gustav von Wangenheim schreiben aktuelle Stücke. Warum können Sie das nicht?" Brecht: "Die produktivste Periode in der Geschichte der europäischen Dramatik war das elisabethanische Zeitalter. Das wichtigste historische Ereignis dieser Epoche war die Zerschlagung der spanischen Armada durch die britische Flotte. Es kommt in keinem zeitgenössischen Stück vor." Ich halte das für eine gute Definition der Spezifik von Theater. Hier liegt die einzige Chance des Theaters, in diesem Mediendschungel zu überleben, sich durchzusetzen gegen Kino und Fernsehen. "Theater", so sagte Strehler, "hat zu tun mit dem Kontinuum der menschlichen Existenz." Theater kann nicht überleben, wenn es sich auf jede Regung der Aktualität einläßt. Das kann ein Nebengleis sein, aber es darf nicht zur Hauptsache werden. Veränderungen der menschlichen Verhaltensweisen brauchen Zeit. Und es dauert noch einmal, bis man sie wahrnimmt. Auf diese Dauer müssen Stücke sich einlassen. Shakespeare erzählt uns immer noch mehr über unsere Epoche als Hochhuth.