DIE ZEIT: Herr Leysen, Sie sind Flame, Belgier, mit einer Deutschen verheiratet und Unternehmer, der in europäischen Dimensionen operiert. Vor fünfzig Jahren aber sind Sie auf der Flucht in SD-Uniform durch Deutschland gegeistert und nach Kriegsende zu Hause erst einmal ins Gefängnis gesteckt worden.

André Leysen: Ich bin als Flame im November 1941 zur deutschen Schule gegangen, weil meine Familie große Sympathie für Deutschland hatte.

ZEIT: Die war bei Ihrem Bruder so stark, daß er sich als Siebzehnjähriger zur SS gemeldet hat.

Leysen: Er hat sich zur Flämischen Legion gemeldet, die dann Teil der Waffen-SS wurde. Ich selbst bin Mitglied der Hitlerjugend geworden. Mit sechzehn Jahren wurde ich der HJ-Führer in Antwerpen. Im September 1944 kam ich nach Berlin. Im Mai 1945 kehrte ich zurück nach Antwerpen und landete da im Gefängnis. Kurz darauf "feierte" ich da meinen achtzehnten Geburtstag.

ZEIT: Empfinden Sie heute keine Abneigung gegen die Hitlerjugend von damals?

Leysen: Ich verleugne diesen Teil meiner Jugend nicht. Das war für uns Junge wie ein Abenteuer. Das Kartenlesen zum Beispiel und das Paramilitärische insgesamt machte uns Spaß. Der andere Teil war die Ideologie. Das lernte man wie den Katechismus von vorn bis hinten auswendig. Ich habe darin sogar Unterricht gegeben.

ZEIT: Als Sie nach Berlin kamen, glaubten Sie noch immer an den Endsieg der Deutschen.