Zwei Männer warten im Flur des Amtsgerichts Bremen. Ein gemeinsamer Bekannter soll die beiden bestohlen haben. Während Herr M., ein seriös gekleideter Kaufmann, die Sache nicht so ernst nimmt - "das muß ich Dummerchen als Lebenserfahrung abbuchen" -, nennt Herr G., von Beruf Maschinenführer, den Beschuldigten nur "den miesen Sack".

Zuerst wird Herr M. als Zeuge aufgerufen. Er sei nur flüchtig mit Herrn Eduard L., dem Angeklagten, bekannt gewesen, berichtet er. Aber als Herr L. im Dezember 1993 bei seiner Freundin ausziehen mußte, habe er ihm angeboten: "Okay, Eddy, solange du nichts hast, kannst du zu mir." Er habe seinem Mitbewohner voll vertraut. "Ich mit meiner sozialen Ader", seufzt Herr M.

Bald mußte er bemerken: "Meine Sachen waren nicht mehr an Ort und Stelle." Es habe sich um "Kleinkram" gehandelt - Hemden, eine Krawattenkette, ein Rasierapparat. Aber als 800 Mark fehlten, habe er Herrn L. die Schlüssel abgenommen und ihn an die Luft gesetzt.

Der Beschuldigte wehrt sich: Nicht er, Herr M. sei der Dieb! Die Hemden, das Geld, das habe alles ihm gehört, behauptet der Angeklagte, und der M. habe es behalten, nachdem er ihn aus der Wohnung herausgeworfen habe. Er habe den M. auch angezeigt, leider ohne Erfolg, denn die Polizei glaube einem nicht, wenn man erst mal vorbestraft sei. Dann sei man schutzlos allen Verdächtigungen ausgesetzt, jammert Herr L. mit tränenerstickter Stimme.

Im Gericht trägt der gelernte Koch eine biedere Strickjacke, kombiniert mit einer grauen Stoffhose. Seine amtlich bekannte Alkoholabhängigkeit kann man Herrn L. nicht ansehen, allerdings bedeckt ein gepflegter Vollbart sein Gesicht.

Der Versuch, sich als verfolgte Unschuld darzustellen, wird nicht nur durch mehrere Vorstrafen erschwert. Im Sommer 1994 soll Herr L. auch noch seinen Nachbarn, den Herrn G., bestohlen haben. Auch dies sei nur ein "unglücklicher Zufall" gewesen, beteuert Herr L. Er sagt, er sei damals spät nach Hause gekommen. Da habe er gesehen, daß drei Türen im Hausflur aufgebrochen worden waren, auch seine eigene. Sofort habe er die Polizei benachrichtigt. Die habe festgestellt, daß vor allem die Wohnung von Herrn G. geplündert worden sei.

"Wüst, sehr wüst" habe es in seiner Wohnung ausgesehen, bestätigt der Zeuge G. "Alles Brauchbare und der Rest: Schrott." Zuerst habe er "dem da" geglaubt, wütende Blicke treffen den Angeklagten. Aber am nächsten Tag sei er ihm auf der Straße begegnet. "Ich guck' hin, und - ey! - der Typ trägt meine Photoausrüstung unterm Arm." Er habe sich die Phototasche gegriffen und "dem" klargemacht, er solle bloß verschwinden, wenn er nicht ein paar "auf die Fresse" kriegen wolle.