Bei einem Treffen zwischen israelischen und palästinensischen Intellektuellen fragte kürzlich einer der Israelis: "Ihr palästinensischen Kollegen wißt doch genau wie wir, daß die schwere Phase, in der der Friedensprozeß sich jetzt befindet, nur ein Zwischenstadium ist, und daß ihr nach langen Verhandlungen letztlich doch bekommt, was ihr wollt: einen palästinensischen Staat und eine Trennung der beiden Völker. Wenn das so ist, warum hört man in eurem Volk eure Stimme nicht mehr? Warum sagt ihr das euren Landsleuten nicht? Warum schweigt gerade ihr, denen man mehr Weitsicht zutrauen kann als anderen und die besser dafür geeignet sind, auf die Vorteile und Hoffnungen hinzuweisen, die sich mit dem Friedensprozeß verknüpfen?"

"Weil wir selbst nicht mehr so ganz an den Friedensprozeß glauben", lautete die Antwort, "weil wir tagtäglich mit ansehen müssen, wie weiterhin Land beschlagnahmt wird, wie neue Umgehungsstraßen neben unseren Städten und Dörfern entstehen und jüdische Siedlungen ausgebaut und vergrößert werden, und weil wir das Gefühl haben, daß ihr Israelis uns wieder einmal, genau wie bisher, besiegt und hintergeht, nur daß die Unterdrückung diesmal so raffiniert und endgültig ist, daß jede Chanc e auf nationale Selbstbestimmung zunichte gemacht wird."

Wer mit Palästinensern Kontakt hat, kennt diese Art von Dialog. Doch ob die breite Öffentlichkeit und vor allem die pazifistisch Gesinnten sich seiner genügend bewußt sind, ist zweifelhaft. Die Argumente der palästinensischen Kollegen, die im übrigen alle den Frieden bejahen und persönlich einen hohen Preis für ihn bezahlt haben, verpflichten das israelische Friedenslager, sich aufrichtig der (beängstigenden) Frage zu stellen, ob wir uns nicht selbst betrügen.

Erstaunlicherweise wird diese Frage in der gemäßigten liberalen Linken kaum gestellt, sondern eher verdrängt und aufgeschoben. Jahrzehntelang hat die Linke immense Anstrengungen unternommen, um durch Aktionen, Denkanstöße, die Analyse von Ideen und die Mobilisierung einer breiten Öffentlichkeit einen Friedensprozeß in Gang zu bringen. Es gelang ihr, eine öffentliche Atmosphäre zu erzeugen, die in einem günstigen Augenblick und vor allem infolge des palästinensischen Aufstandes auch in das widerstrebende Bewußtsein der Politiker einsickerte und sie zu Verhandlungen trieb. Doch seit dem Oslo-Abkommen verfiel diese Linke in einen Zustand, der einer totalen Lähmung gleichkommt. Natürlich wird das Argument geltend gemacht, die Regierung führe ja jetzt aus, was die Linke gewollt und wofür sie gekämpft habe. Aber trifft dieses Argument noch zu? Ist der Friedensprozeß in seiner heutigen Form wirklich das, was die Linke angestrebt hat? Werden die Verhandlungen mit den Palästinensern in einer Weise geführt, die eines Tages normale Nachbarschaftsbeziehungen zu ihnen ermöglicht, oder werden sie von dem Stärkeren absichtlich zu einer weiteren Phase der Erniedrigung und der erzwungenen Akzeptanz einer Regelung umfunktioniert, die letzten Endes zum nächsten Krieg führt?

Wie ist es möglich, daß in den vergangenen Monaten die Stimme der Linken, die diese Fragen in aller Klarheit stellen sollte, beinahe verstummt ist? Haben wir uns mit der Linken eine Art Selbstzensur auferlegt, die diese Fragestellung verhindert (aus der wohlgemeinten Absicht heraus, den Friedensprozeß nicht zu stören)? Vielleicht tragen wir aber gerade durch unser Schweigen zu einem historischen Versäumnis bei, dessen bittere Folgen Israel noch Generationen lang tragen wird? Warum holt die Friedensbewegung "Peace now" nicht tagtäglich Tausende von Freiwilligen auf die Straße, um diese andere Stimme zu Gehör zu bringen, warum organisiert sie keine Massendemonstrationen, die gerade jetzt den entscheidenden Druck zugunsten der Ziele ausübt, die sie schon immer angestrebt hat? Was ist mit der Bewegung los? Wo bleiben die linken Minister des Merez-Blocks in der Regierung?

Schließlich wird von der Gegenseite enormer Druck auf Jitzhak Rabin ausgeübt, und die Folgen zeigen sich bereits in der Bevölkerung, in den Meinungsumfragen und bald auch an der Wahlurne, vor allem auch in dem politischen und persönlichen Verhalten von Rabin. Bei den Linken - tiefes Schweigen. Oder höchstens Salongespräche. Und wenn die Friedensorganisation "Gusch Schalom" unbequeme Fragen stellt, kommt keine Reaktion oder Verstärkung von der gemäßigten Linken, die den Ton angibt. "Wie seid ihr, ach, verzagt, entmutigt gar geworden?" fragt der Dichter Bialik in seinem Gedicht "Und wieder sah ich euch in eurer Schwäche". Diese Klage betrifft auch uns heute: Wir, die Männer und Frauen des Wortes, des Buches, des Gedankens, erlahmen, wenn die Ideen Wirklichkeit werden.

Als läge das Geschehen von nun an in den Händen der Fachleute, der Tatmenschen. Seit dem Oslo-Abkommen wiegen wir uns in einem beinahe magischen Gefühl der Sicherheit, das vielleicht in Wirklichkeit nur naives Wunschdenken ist: Wir haben unsere Botschaft einem zuverlässigen Sendboten anvertraut, der sie sicher zum Ziel bringen wird, und von jetzt an brauchen wir nur noch zu warten, bis der Frieden uns in den Schoß fällt!