Sein Vater hieß Artur Fürst und war Autor von zehn populärwissenschaftlichen Büchern, ein offenbar gefeierter und ehrendoktorierter Mann. Eines seiner Bücher war "Die Welt auf Schienen", ein Bestseller; der Sohn sollte später die Welt auf Dampfern, Dschungelwegen, Pritschenwagen kennenlernen. Vorm Tod fuhr der nierenkranke Vater mit dem sechzehnjährigen Sohn Peter zu den Stätten der Klassik nach Weimar. "In der Nacht hörte ich ihn weinen. In der schrecklichen Finsternis schwor ich mir, dem Journalismus treu zu bleiben. Ich würde niemals versuchen, ein Buch zu schreiben . . ."

Bei diesem Satz sind wir schon auf Seite 42 seines Buchs "Der Zigarrentöter", das er, wohl achtzigjährig, denn doch noch geschrieben hat. Genaueres teilt niemand mit, der Hanser Verlag schon gar nicht. Kein Nachwort, grade mal sieben Zeilen auf der Einbandklappe.

Geboren 1910 in Berlin, 1946 Einreise in die USA, lebt anscheinend noch. Sein Buch, auf englisch geschrieben und in Amerika noch nicht verlegt, wurde ins Deutsche gebracht (der passende Ausdruck) von Anna Blum, danach "vom Autor durchgesehen" und von Lektoren und Korrektoren wieder mal übersehen: Es wimmelt von Druckfehlern, strotzt von holprigen Satzanschlüssen, von verwirrend ungenauen "Zeiten" - wo ein Plusquamperfekt klärend gewesen wäre, straucheln wir überm Imperfekt, denn Peter Fürst springt unvermittelt (und darum halt unbemerkt) in seiner Geschichte über Jahre zurück, strickt dann dort weiter, nestelt sich einige Tage nach vorn und fädelt sich ebenso abrupt in die zuvor verlassene Anekdote wieder ein.

Eine Welt in Anekdoten ratterte an diesem Peter Fürst vorüber, und er guckte immer nur zu, war nie selbst beteiligt, nie agierend (wie's scheint). Draußen machte die Welt Geschichte, er sah Geschichten; draußen gab's Bürgerkriege, Schüsse, Tote, Kommunisten, Nazis, später Flüchtlinge, noch später Elend in Tropenplantagen und die Schnapsleichen - Fürst trank erst Rotwein, dann Rum, verschwand mit Frauen im Nebenraum, verlor sich in Männeraugen, griff sich ein Mikro oder den Stift und war ganz Sportreporter.

In Berlin etwa, als Sturmtruppen die Republik von beiden Enden aufrollten, war er mit Live-Berichten dabei: "Sie hatten auch meine Telephonzelle aufs Geratewohl beschossen. Wie andere liberale Publikationsorgane betrachtete das ,Tageblatt` solche Ereignisse als Teil des Sportgeschehens." Gewiß war er Jude, mit beiden dazu "notwendigen" Großmüttern, reinrassig gewissermaßen. Aber "in unseren Kreisen hat man sich, nach deutscher Sitte, immer mit intakten Vorhäuten kompletter gefühlt", außerdem war er Protestant: "Ich spüre noch heute, wie das heilige Wasser mir über den Rücken rann, mein Jüdischsein wegspülte."

Von wegen. Da mochte sein Vater noch so preußisch, die Mutter wie eine "Zigeunerin" sein, die mit fünf zum Zirkus, später aus Bindungen ausriß; da mochte Mutters Bruder, Hans Behrendt, als Ufa-Regisseur mit Veit Harlan und Werner Krauss "Die Hose" verfilmen, mit Kortner und Gründgens "Danton", mochte er alle vier Drehbücher zum "Fridericus Rex" (den berühmten Preußenfilmen mit Otto Gebühr) schreiben - "Einmal Jude, immer Jude", hielt Dr. Katzenstein dagegen. Der war Peter Fürsts väterlicher Freund geworden (und war außerdem der einzige Jude im Generalstab des 1. Weltkrieges gewesen); Katzensteins junge Geliebte wurde nämlich auch Fürsts Geliebte (und war wiederum ein Tennisturnier-As ihrer Zeit gewesen). Bei Katzensteins Vater dagegen hatten sich bisweilen Hindenburg und der Kaiser zum privatpolitischen Plausch getroffen . . ., die Welt ist nämlich komisch, und überall lauert das Absurde. Der Kopf wirbelt einem davon. Schwachsinnig ist die Realität mit ihren Visabestimmungen, Politikern, Kakaobohnenpflanzungen, mit all den Regeln und Geldproblemen - das Märchenhafte ist viel reeller!

Wenn da geschossen wird und in schweißigen Betten geliebt (oder was immer das ist), wenn man in Wiener Caféstübchen Reportagen vom Spanischen Bürgerkrieg erfindet für Berliner Blätter, wenn nationalsozialistische Grenzpolizisten einem von Österreich in die Schweiz helfen, Dienstmädchen sich ungefragt in Männerbetten begeben und mafiose Waffenschieber, Kriegsmanager und sinistre Hoteldiener ebenso wie gummibemantelte Kominternagenten oder drogenbedröhnte Plantagenbesitzer, wenn sie alle zusammen das glitschig durch Nebel schwappende Überleben der irgendwohin Flüchtenden sichern -, was vermögen dagegen noch die Gesetze einer behaupteten Normalität, von Ordnung, Treu und Glauben, Verträgen, Pflicht? Das Chaos regiert die Welt, der Mensch ist die Laus im Strudel - freilich eine triebhaft getriebene Laus. Banalitäten blähen sich in Fürsts Notizenkonvolut zu Wundern, Unglaubliches schrumpft zum schlichten Zufall.