Was macht ein Jude im Ausland? Er sucht nach Unterdrückten und Rechtlosen, den Armen, Verfolgten und Verachteten des jeweiligen Landes, um sich solidarisch mit ihnen zu erklären. Howard Jacobson tourte monatelang mit Bus und Wohnmobil durch Australien (Im Herzen der Sehnsucht: australische Innenansichten; deutsch von Walle Bengs; Rowohlt Verlag, Reinbek; 397 S., 14,90 DM).

So wie andere Reisende im Hotelzimmer zunächst die Dusche auf Funktion überprüfen, sorgt sich Jacobson in jedem Nest großmäulig um die Lebensverhältnisse der Aboriginals. Dabei ist es nicht einmal nötig, den "Abos" direkt zu nahezukommen, wie "Im Herzen der Sehnsucht" nachzulesen ist. Das Buch ist kein allgemeiner Reisebericht, sondern eine Ansammlung skurriler Szenen.

Arabische und israelische Siedler belauern sich im australischen Busch, ein angefahrener Fußgänger wird von Passanten wie ein stadtbekannter Trinker behandelt, und der "Liedertafl Choir" intoniert wacker "Trink, trink, Brüderlein, trink" und "In München steht ein Hofbräuhaus". Da können Landschaftsbeschreibungen nur spärlich einfließen, und Tasmanien muß sich mit zwei, drei Seiten begnügen.

Der Autor konzentriert sich mehr auf die Personen, die ihm begegnen, und gesteht: "Meine Reisen führen immer zum Mittelpunkt des Dialogs." Er analysiert durchaus komisch, wie britisch sich die Aussies und wie australisch sich die Briten downunder geben. Jacobson selbst schließt sich aus seinen Betrachtungen nicht aus, spart nicht an geistreichen Einwürfen und stellt sich überzeugend als eine Mischung aus Dandy, Schriftsteller und Nichtschwimmer dar. "Im Herzen der Sehnsucht" könnte trotz des Titels ganz flott sein, wenn es nur kürzer wäre. Jacobsons Anspruch auf Vollständigkeit verwässert seine beste Pointen.

Dazu kommt, daß die sprachlichen Ambitionen des Autors selten über die Pose der erhobenen Augenbraue hinausgehen. Stattdessen verirrt er sich im Dickicht gespreizter Sprache und versinkt im "Spasmus des Selbstmitleids". Schwer verdaulich bleibt auch, daß der Autor überall Judenhaß und Nazis wittert. Spätestens wenn Howard Jacobson Riesenlippfische (die ohnehin klapprige Übersetzung macht daraus "Riesenlippenfische") scherzhaft für Juden hält, wird ernüchternd deutlich, wie nah sich sein jüdischer Witz am Rande des simplen Stereotyps bewegt.